Temperamentvoll – „West Side Story“ in St. Gallen

Temperamentvoll – „West Side Story“ in St. Gallen

Andreas Bongard (Tony) und Lisa Antoni (Maria) Foto Andreas J. Etter
Andreas Bongard (Tony) und Lisa Antoni (Maria) Foto: Andreas J. Etter

„West Side Story“ ist die moderne Version von Shakespeare „Romeo und Julia“ und spielt in New York der 1950er Jahre. Düster ist die Gegend, in der sich die Jets, amerikanische jugendliche polnischer Herkunft, und die Sharks, jungendliche Einwanderer aus Puerto Rico, bis aufs Blut, um die Vorherrschaft des Bezirks bekriegen. Es geht um Freundschaft und Liebe aber auch um Hass, Gewalt und Tod. Zwei junge Menschen kämpfen für ihre Liebe, die eigentlich keine Aussicht auf eine Zukunft hat und geben sie die Hoffnung nicht auf. Es geht um Themen, die auch in der heutigen Zeit nicht an Aktualität verloren haben. Am 12. Dezember 2015 feierte das Stück am Theater St. Gallen Premiere.

Das moderne und gelungene Bühnenbild von Knut Hetzer zeigt einen düsteren Hinterhof mit Basketballkorb und den typischen New Yorker Feuerleitern. Mit wenigen zusätzlichen Requisiten ist die Bühne mal Autowerkstatt, mal Park oder Disco und lässt der Geschichte so genügend Raum, sich zu entfalten. Das Licht von Michael Grundner setzt an den richtigen Stellen passende Akzente und unterstreicht einzelne Szenen zusätzlich. Die Musik von Leonard verbindet gekonnt Elemente aus Jazz, Oper und Pop mit lateinamerikanischen Klängen, die das Sinfonieorchester St. Galler Orchester, unter der musikalischen Leitung von Otto Tausk, klangvoll und mit Drive zu Gehör bringt. Gesungen wird in Englisch, die Dialoge sind auf Deutsch – dadurch verlieren die eindringlichen Liedtexte von Stephen Sondheim nicht an Aussagekraft.

Lisa Antoni (Maria), Sophie Berner (Anita), Andreas Bongard (Tony) Foto Andreas J. Etter
Lisa Antoni (Maria), Sophie Berner (Anita), Andreas Bongard (Tony) Foto: Andreas J. Etter

Starke Ensemble-Szenen, aber auch eine individuell hervorragende Personenführung zeichnen die rundherum gelungene Inszenierung von Melissa King aus. Hinzu kommt ihre ausdrucksstarke und mitreisende Choreografie (Kampf-Choreografie: Richard Leggett), die einen staunen lässt. Perfektion auf ganzer Linie – Melissa King gelingt ein Geniestreich. Schön anzusehen, mit Blick für Details, und passend zu der unterschiedlichen Herkunft der Jugendlichen sind Kostüme von Magali Gerberon.

Mit passendem Akzent und klangvoller Stimme gibt Lisa Antoni eine Maria, die vor Lebensfreude nur so sprüht, aber auch in den tragischen Momenten ihrer Figur die nötige Tiefe verleiht. Hin und her gerissen zwischen Liebe und Freundschaft beweist Andreas Bongard, durch seine gefühlvolle Darstellung, dass Tony ein junger Mann ist, dem es nicht leicht fällt sich für eines von beiden zu entscheiden. Mit Anita hat Maria eine beste Freundin, die immer auf ihrer Seite steht, bis zu jenem verhängnisvollen Moment in Doc’s Autowerkstatt. Sophie Berner agiert temperamentvoll und interpretiert „A Boy Like That“ mit eindringlicher Stimme.

Ensemble Foto Andreas J. Etter
Ensemble Foto: Andreas J. Etter

Jurriaan Bles als Bernardo, Anführer der Sharks und Marias grosser Bruder, und Jörn-Felix Alt als Riff, Anführer der Jets und Tonys bester Freund, zeigen eine intensive und charaktervolle Darstellung der beiden Banden Chefs. Als Lieutenant Schrank, Office Krupke und Doc zeigen Max Gertsch, Romeo Meyer und David Steck eine starke schauspielerische Leistung. Während sich die Latinas der Sharks ihr Leben in ihrer neuen Heimat in „America“ ausmalen, machen sich die Jets über Officer Krupke in „Gee, Office Krupke“ lustig. Berührend die Interpretation von „Somewhere“, die das Leben der jungen Menschen frei von allen Ängsten und Gefahren darstellt. Grandios wie das Ensemble, unterstützt von der Tanzkompanie des Theater St. Gallen, die Gefühle und Energie, die dieses Musical beinhaltet auf die Bühne bringt.

Das Publikum in St. Gallen spendete am Premierenabend einen langen und nicht aufhören wollenden Applaus. Mit „West Side Story“ macht das Theater St. Gallen seinem hervorragenden Ruf für seine Musical-Produktionen wieder einmal alle Ehre.

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