Absolut sehenswert: „Titanic“ in Thun

Absolut sehenswert: „Titanic“ in Thun

Als die Titanic am 10. April 1912 in See stach, galt sie als unsinkbar. Doch die Jungfernfahrt endete bereits am 14. April 1912 in einer der größten Schiffkatastrophen des 20. Jahrhunderts. Durch die Kollision mit einem Eisberg verloren in jener Nacht fast 1.500 Menschen ihr Leben. Im Jahr 1997 feierte das Musical „Titanic“ aus der Feder von Maury Yeston und Peter Stone seine Uraufführung am Broadway, im Dezember 2002 folgte die deutschsprachige Erstaufführung in Hamburg. Trotz des bislang eher mäßigen Erfolgs kam das Musical nun auf der Seebühne in Thun zur Schweizer Erstaufführung.

Großartige Kulisse für „Titanic“ in Thun. Foto: Iris Steger

In Thun wird „Titanic“ in einer auf zwei Stunden verkürzten Fassung gespielt – ohne Pause. Regisseur Max Sieber ist dabei eine hervorragende Inszenierung gelungen, die Übergänge sind flüssig und die Szenen in sich stimmig. Unterstützt wird alles durch die fetzige und unterhaltsame Choreografie von Simon Eichenberger. Iwan Wassilevski, Musikalischer Leiter des Thuner Seebühnen-Orchesters, dirigiert sicher und führt seine Musiker sauber durch das Stück. Das Bühnenbild von Ueli Binggeli hinterlässt einen bleibenden Eindruck und ergänzt die ohnehin beeindruckende Kulisse rund um den Thunersee perfekt. Die Kostüme von Regina Staiger und Bettina Steiner sind dem Stil der 1920er Jahre entsprechend und sehr schön anzusehen. Die Lichtgestaltung von Guido Petzold ist in sich stimmig, auch wenn die Ausleuchtung einzelner Szenen nicht ganz vorteilhaft gelingt, wodurch es auf der Bühne ab und an zu duster wirkt.

Leinen los, die Titanic sticht in See. Foto: Iris Steger
Leinen los, die Titanic sticht in See. Foto: Iris Steger

Michael Flöth spielt den Kapitän Edward J. Smith ausdrucksstark. Hin- und hergerissen zwischen Verantwortung für Schiff und Passagiere sowie Pflichtbewusstsein gegenüber des Eigentümers Bruce Ismay. Jörn Linnenbröker als 1. Offizier Murdoch, der an seinem Schuldbewusstsein zu zerbrechen droht, da er in der Katerstrophennacht der diensthabende Offizier auf der Brücke war, zeigt eine gute Leistung. Als 2. Offizier Charles Lightoller, der Selbstbewusstsein ausstrahlt und somit das Gegenteil von Murdoch ist, liefert Patrick Adrian Stamme eine ebenso gute Leistung ab. Gesanglich agieren beide mit kräftiger Stimme.

Arrogant, selbstherrlich und mit energiegeladener Stimme gibt David Morell den Eigentümer Bruce Ismay, der nur eines im Sinn hat: Den Erfolg einer Rekordüberfahrt nach Amerika als Schiffseigner ohne Rücksicht auf Mensch und Maschine. Stolz und von seinem Schiff bis zuletzt überzeugt, hinterlässt Lucius Wolter als Thomas Andrews stimmlich wie schauspielerisch einen bleibenden Eindruck.

Katja Uhlig (Kate McGowan) und
Sasha Di Capri (Jim Farrell). Foto: Iris Steger

Philipp Hägeli agiert als Heizer Frederick Barrett, der sich um „sein“ Schiff sorgt, stark und kann mit eindringlicher Stimme punkten. Wolfgang Türks gelingt als Funker Harold Bride eine solide schauspielerische Leistung, bleibt stimmlich aber gerade beim Männerduett „Heiratsantrag“ etwas zu schwach. Als Bandleader Wallace Hartley bleibt Jens Janke mit seiner mitreißenden Darbietung und virtuosen Stimme im Gedächtnis. Katja Uhlig als Kate McGowan und Sasha Di Capri als Jim Farrell begeistern mit nuanciertem Schauspiel und gefühlvollen Stimmen, vor allem im Duett „Drei Tage“.

Auch an eine Portion „Swissness“ wird gedacht. So machen sich die extra für diese Aufführung erfundenen Charaktere Bertha und Johann Lehmann – stark von Bea Rohner und Roland Herrmann gespielt – auf den Weg nach Amerika. Neu eingebaut wurde auch der „Irish Jig“, eine fetzige Ensemblenummer der Passagiere der dritten Klasse. Das insgesamt stark agierende Ensemble liefert in Kombination mit dem Chor der Seebühne Thun eine hervorragende Leistung ab.

David Morrell (Bruce Ismay), Lucius Wolter (Thomas Andrews) und Michael Flöth (Kapitän E.J. Smith). Foto: Iris Steger

Einen unvergesslichen Eindruck hinterlässt letztendlich auch die Untergangsszene der Titanic. Hierbei werden die Seitenteile der Bühne, die die erste Klasse auf der rechten Seite sowie die zweite und dritte Klasse auf der linken Seite darstellen, mithilfe von hydraulischen Hebebühnen entsprechend der Neigung während des Untergangs des Schiffes nach oben gefahren. Die Titanic versinkt dank gelungener Animation tatsächlich im Thunersee: Die letzten Sekunden der Titanic werden auf einem Wasservorhang über dem See als fortlaufender Film projiziert.

Eindrucksvoll gelingt auch die Szene nach dem Untergang, als Rettungsboote auf dem Thunersee nach Überlebenden suchen. Zweifelsohne ist es der Seebühne in Thun mit „Titanic“ gelungen, aus einem bisher eher mittelprächtig angenommenen Musical eine absolut sehenswerte Inszenierung zu machen, die vom Premierenpublikum entsprechend gewürdigt wurde.

Fotogalerie:
Fotogalerie zu „Titanic“, Seebühne Thun

Interview:
Interview mit Michael Flöth: Kapitän in meiner Badewanne auf thatsMusical.de

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