Tempogeladen: „Tommy“ in Bielefeld

Tempogeladen: „Tommy“ in Bielefeld

Das Rockmusical „Tommy“ von der Band „The Who“ feierte 1992 am La Jolla Playhouse in San Diego seine Uraufführung. Seit dem 23. September 2012 ist das Stück in deutscher Sprache am Stadttheater Bielefeld zu sehen. Die deutsche Übersetzung ist gelungen – auch wenn sie im ersten Moment gewöhnungsbedürftig erscheint.

Der vierjährige Tommy sieht im Spiegel mit an, wie sein aus dem Krieg heimgekehrter Vater in Notwehr den Liebhaber seiner Frau ermordet. Durch den Schock lebt Tommy in seiner eigenen Welt. Er sieht, hört und spricht nicht mehr. Alle Versuche, ihn zu heilen, schlagen fehl – bis seine Mutter eines Tages den Spiegel zerschlägt. Tommy ist frei. Ob sich das für den jungen Mann als Glücksfall erweist, bleibt dahingestellt.

Philipp Dietrich spielt einerseits den Erzähler, der dem jungen Tommy immer wieder begleitend zur Seite steht, und zum anderen den erwachsenen Tommy – dieser Spagat gelingt ihm hervorragend. Er überzeugt, trotz seiner jungen Jahre, mit eindringlicher Bühnenpräsenz und einer wohlklingenden kräftigen Stimme.

Direkt nach der Hochzeit in den Krieg eingezogen, kehrt Captain Walker aus der Kriegsgefangenschaft zurück und trifft seine Frau mit ihrem Liebhaber an. Carina Sandhaus als Mrs. Walker gelingt eine schauspielerisch und stimmlich starke Darbietung. Alexander Franzen als Captain Walker steht dieser Leistung in nichts nach. Onkel Ernie (komisch und schmierig gespielt von Carlos Horacio Rivas) und Cousin Kevin (bösartig fies: Nicky Wuchinger) missbrauchen Tommy für ihre jeweils eigenen Zwecke.

Als alle Therapieversuche nicht helfen, wendet sich Walker als letzte Hoffnung an die Acid Queen – mit starker Rockstimme von Brigitte Oelke dargestellt. Doch auch ihr gelingt es nicht, Tommy zu heilen. Ebenfalls erwähnenswert sind die Kinder, die den jungen Tommy spielen, genauso wie David Jakobs und Nico Gaik in ihren verschiedenen Rollen sowie Rebecca Stahlhut als Sally.

Das Stück lebt von seiner großartigen Musik (Pete Townshend) und der clever verpackten Geschichte (Pete Townshend/Des McAnuff). Der Musikalische Leiter William Ward Murta dirigiert seine Band sicher durch das durchkomponierte Stück – allerdings ist der Sound der Band in der besuchten Vorstellung teilweise zu laut, so dass die Darsteller nicht immer zu verstehen sind.

Das Bühnenbild von Dietlied Konold ist außergewöhnlich: Zwei Gerüstaufbauten, die Häusern gleichen, ergänzt durch die Wohnung der Walkers, einen Zeitungskiosk oder andere Bühnenelemente. Insgesamt ist Götz Hellriegel (Inszenierung/Choreografie) eine sehenswerte und tempogeladene Inszenierung gelungen, die von der ersten bis zur letzten Sekunde beste Unterhaltung bietet – vom ersten Moment an muss der Zuschauer aufmerksam der Handlung folgen, denn es geht Schlag auf Schlag.

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