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Schlagwort: Thuner Seespiele

„Romeo & Julia“ – Verona am Thunersee

„Romeo & Julia“ – Verona am Thunersee

Verona: Der Familienzwist zwischen den Capulets und den Montagues hält die Stadt in Atem. Korruption, Erpressung, Bestechung und Gewalt stehen an der Tagesordnung. Der Staatsanwalt kommt bei einem Autobombenanschlag fast ums Leben und die Carabinieri sind machtlos. Eine Liebe zwischen Mitgliedern der beiden Familien ist undenkbar und doch verlieben sich Romeo Montague und Julia Capulet auf einem Ball unsterblich ineinander. Romeo & Julia möchten ihr Leben zusammen verbringen und planen schon nach kurzer Zeit heimlich ihre Hochzeit. Als bei einem erneuten Aufeinandertreffen der beiden Clans Tybald Romeos besten Freund Mercutio ermordet, geht dieser blind vor Trauer auf Tybalt los und erschlägt ihn. Romeo wird aus Verona verbannt und das junge Glück nimmt eine tragische Wendung.

Das Stück mit dem Originaltitel „The Most Excellent and Lamentable Tragedy of Romeo and Juliet“ ist im Jahr 1597 erschienen und stammt aus der Feder von William Shakespeare. Gèrard Presgurvic (Buch & Musik) adaptierte das Stück in eine Musicalfassung. „Romeo & Julia“ feierte im Jahr 2001 als Musical in Paris seine Uraufführung, 2005 erfolgte die deutschsprachige Uraufführung in Wien.

Ensemble „Romeo & Julia“, Foto: Iris Steger

Regisseur Christian von Götz verlagert seine Inszenierung in das 21. Jahrhundert. Facebook, Selfies & Co. halten Einzug in Verona. Eine seltsame Vorstellung? Mitnichten! Götz gelingt es, diese moderne Erzählweise des Stücks interessant und detailliert umzusetzen, die Kürzung fällt dabei kaum ins Gewicht. Seine präzise Personenführung, der Barbieball der Capulets, welcher herrlich kitschig daher kommt, und die unterhaltsame Umsetzung, gestalten das Stück durchgehend abwechslungsreich. Die BMX-Stunts (Andreas Halter/Joel Portenier) auf der Halfpipe sind das Tüpfelchen auf dem i. Einzig der Versuch der arrangierten Hochzeit von Julia passt sich nicht so Recht ins Gesamtbild der Modernität. Die starke und mitreissende Choreografie von Carlos Matos, die vor allem in den Ensembleszenen zum tragen kommt, verleiht der Inszenierung zusätzlich Schwung. Gekämpft wird mit Eisenstangen, Baseballschlägern und Fäusten – alles sieht so gekonnt aus, dass man Jochen Schmidtke für seine Kampfchoreographie nur gratulieren kann.

In diese Moderne fügt sich das Bühnenbild von Urlich Schulz nahtlos ein. Mit Blick auf Eigner, Mönch und Jungfrau thront eine rosarote Halfpipe auf der Seebühne. Auf der linken Seite sind die Capulets und auf der rechten Seite die Montagues zu Hause. Abwechselnd wird die Halfpipe mal zu Fuss, mal mit dem Skateboard oder mit den BMX geentert. Kleine detaillierte Ergänzungen lässt die Unterschiede zwischen den Familien gut erkennen, wie zum Beispiel die Initialen der Familien an den Türen. Das Lichtdesign von Michael Werner fügt sich wunderbar ins Bühnenbild ein und bringt einzelne Szenen noch mehr zur Geltung. Die Kostüme von Ulrich Schulz und Mareike Delaquis Porschka sind farbenfroh, fetzig und erlauben eine gute Unterscheidung zwischen den beiden Familienclans. Während die Capulets schrill und bunt daher kommen, mit Ausnahme von Julia, sind die Montagues eher normal und die Kostüme in neutraleren Farben gehalten. Dieses Bild zieht sich auch durch das Masken- und Perückendesign von Roland Fahm.

Die Musik ist passend zum Stück und treibt die Handlung voran, lässt allerdings einen richtigen Ohrwurm vermissen. Einzig „Ich bin schuldlos“ und „Die Angst“ heben sich vom Rest der Songs ab. Gekonnt und schwungvoll dirigiert Iwan Wassilevski sein Orchester durch die Partitur und bringt die Lieder schmissig zu Gehör. Der Chor der Thuner Seespiele unterstützt auf eindrückliche Weise einzelne Szenen mit seinen kraftvollen Darbietungen. Der Sound von Thomas Strebel gefällt, die Abmischung zwischen Orchester, Chor und Ensemble ist rundherum gelungen.

Romeo & Julia sind zwei verträumte 16-jährige Jugendliche, die sich nichts sehnlichster wünschen als die Liebe ihres Lebens zu finden. Während Julia sich gegen den Plan ihrer Eltern, den egozentrischen Paris (Tadellos: Georg Prohazka) zu heiraten, sträubt, versuchen Romeos Freunde ihm die Heirat mit Julia auszureden. Iréna Flury und Dirk Johnston gelingt die Darstellung der beiden Hauptcharaktere mühelos, ohne dabei zu übertreiben. Gesanglich agieren beide auf hohem Niveau und harmonieren wunderbar miteinander.

Die besten Freunde Mercutio und Benvolio stehen Romeo immer zur Seite. Mercutio ist der Draufgänger und Provokateur in dem Dreiergespann und Benvolio eher ein Träumer mit Flausen im Kopf. Absolut gelungen ist die Interpretation von Kurosch Abbasi als Mercutio. Tobias Bieri legt seine Schwerpunkte der Rolle mühelos an den richtigen Stellen. Tybalt ist die Reizfigur der Gegenseite und provoziert den Montague Clan auf jede erdenkliche Weise. Heimlich in Julia verliebt, lässt er seinem Frust über diese unerfüllte Liebe, vor allem gegenüber Romeo, freien Lauf. Ganz stark gelingt Philipp Büttner der Song „Ich bin schuldlos“.

Einen richtigen Draht zu ihrer Tochter haben weder Lady Capulet noch Lord Capulet. Glanz und Glamour ist ihnen wichtiger als ihr eigenes Kind. Herrlich überspitzt zeigen Kerstin Ibald und Björn Klein die Oberflächlichkeit ihrer Charaktere. Das ganze Gegenteil ist Romeos Mutter Lady Montague, die authentisch von Claudia Agar gespielt wird. Die Sorgen und das Leid einer Mutter spielt sie absolut überzeugend. Sowohl Ibald als auch Agar gefallen mit ihrem ausdrucksstarken und wohlklingenden Stimmen. Katja Berg als Amme gelingt eine Meisterleistung. Komödiantisch auf den Punkt, ohne aufgesetzt zu wirken, mimt sie die Julias Vertrauensperson ohne Fehl und Tadel. Als heimliche Vermittlerin der beiden Liebenden, unterstützt sie ihr Lämmchen wo sie nur kann. Ein Vergnügen ist die Szene als sie auf der Suche nach Romeo den Montague-Jungs begegnet und sich diese über sie lustig machen.

Steffen Häuser, in der Doppelrolle als Pater Lorenzo und als Bettler/Tod, hinterlässt besonders bei dem Song „Die Angst“ als Bettler/Tod einen bleibenden Eindruck, als er Romeo wie eine Art Marionette missbraucht. Er ist es, der Romeo den Baseballschläger gibt mit dem dieser Tybalt erschlägt und er reicht ihm auch die Giftflasche, um sich umzubringen. Paul Kribbe ist als Fürst machtlos gegenüber dem Treiben in Verona. Einziges Machtmittel ist die Verbannung von Romeo aus Verona und selbst dieser Schritt ist eher eine Notlösung, statt ein richtiger Schritt um in Verona wieder Ordnung herzustellen.

Alles in allem: Ein stark agierendes Ensemble, ein frisch auftretenden Marco Fritsche als Erzähler und nicht zuletzt die Geschichte von Romeo & Julia machen diese moderne Inszenierung absolut sehenswert. Das Publikum honorierte eine durchweg überzeugende Leistung mit Standing Ovations.

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Fotogalerie zu “Romeo & Julia“ in Thun

Ägypten am Thunersee: „Aida“ in Thun

Ägypten am Thunersee: „Aida“ in Thun

Ägypten und Nubien befinden sich im Krieg, als sich der ägyptische Heerführer Radames ausgerechnet in eine nubische Gefangene verliebt – nicht ahnend, dass es ich dabei um die nubische Königstochter Aida handelt. Um in Aidas Nähe sein zu können, macht Radames sie seiner Verlobten, der ägyptischen Prinzessin Amneris, als Zofe zum Geschenk. Die beiden Frauen schließen Freundschaft – und die Dreiecksgeschichte wird kompliziert. Jetzt ist das Musical „Aida“ aus der Feder von Elton John (Musik) und Tim Rice (Buch) in einer gekürzten Fassung auch auf der Seebühne in Thun zu sehen,

Patricia Meeden (Aida) mit dem Ensemble.

Karel Spanhak hat ein für die Seebühne passendes einfaches Bühnenbild geschaffen, das sich wunderbar in die Kulisse des Thuner Sees einfügt. Am Anfang und Ende des Stücks befindet sich in der Mitte der Bühne ein überdimensionaler Pharaonenkopf, der sich während des Stücks in zwei Teile teilt, die sich dann links und rechts der Bühne befinden. Hinzu kommen einige Requisiten, die die Handlung unterstützen. Zentral sind hierbei quadratische Steine, die während des Stücks von den Gefangenen im Hintergrund zu einer Pyramide aufgeschichtet werden. Das stimmige Lichtdesign von Serge Schmuki ergänzt die Szenerie hervorragend und verleiht einzelnen Szenen noch mehr Tiefe und Ausdruck. Die Kostüme von Heike Seidler sind passend zum Stück und wunderbar herausgearbeitet. Die Unterscheidung zwischen Ägyptern und Nubiern ist klar ersichtlich. Auch die Gefolgsleute von Zoser sind deutlich hervorgehoben. Unterstützend wirkt dabei das gelungene Maskenbild von Ronald Fahm.

Regisseurin Katja Wolff ist mit „Aida“ eine starke Inszenierung gelungen. Die Charaktere sind deutlich gezeichnet und die Weite der Seebühne wird exzellent in die Szenen einbezogen, allerdings wäre etwas mehr Nähe in der Szene zwischen Zoser und Radames Disputs „Wie Vater, so Sohn“ stimmiger gewesen. Christopher Tölle hat eine zum Stück passende Choreografie entworfen, die sich wunderbar in die Inszenierung einfügt. Der Musikalische Leiter Ivan Wassilevski dirigiert sein Orchester sicher und sauber durch die poppig-rockige Musik von Elton John und auch der Ton von Thomas Strebel ist gut ausgesteuert und gefällt während der gesamten Vorstellung.

Als Aida besticht Patricia Meeden mit ihrer energiegeladenen und klangvollen Stimme. Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu Radames und ihrem Volk, muss sie sich am Ende für eine Seite entscheiden. Durch ihr ausdrucksstarkes Schauspiel gelingt Meeden eine glaubhafte Darstellung der nubischen Prinzessin. Als berührend bleibt der Song „Die Sonne Nubiens“ im Gedächtnis. Gelangweilt von ihrem Leben im Palast, findet die Pharaonentochter Amneris in der Sklavin Aida eine wahre Freundin, die ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. Erst als sie erkennt, welche Gefühle Radames und Aida füreinander empfinden, zeigt sie wahre Größe und setzt ihre Bitte, die beiden gemeinsam sterben zu lassen, bei ihrem Vater durch. Sophie Berner spielt die Wandlung von der einfältigen Pharaonentochter zur zukünftigen Herrscherin Ägyptens überzeugend und kann mit ihrer dunkel legierten und klaren Stimme punkten. Mit der Heirat von Amneris ist die Zukunft von Radames als zukünftiger Pharao Ägyptens von dessen Vater Zoser perfekt vorausgeplant. Doch ist diese Zukunft nicht die, die auch Radames will, denn dieser liebt Aida und sieht in Amneris nur eine gute Freundin. Jörn-Felix Alt zeigt als Radames eine starke schauspielerische Darbietung, kann aber stimmlich nicht ganz an die Leistung der beiden Damen anknüpfen.

Zoser, der boshafte machtbesessene Strippenzieher im Hintergrund, versucht den Pharao von Ägypten heimtückisch mit Arsen zu vergiften, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Armin Kahl zeigt sich als Zoser stimmgewaltig, allerdings hätte etwas mehr Boshaftigkeit seiner Rolleninterpretation gut getan. Manuel Lopez als nubischer Sklave Mereb und Rebecca Stahlhut als Nehebka zeigen beide sehr gute Leistungen. In ihren Sprechrollen gefallen Thomas Wissmann als Pharao ebenso wie Walter Reynolds als nubischer König Amonasro. Nicht zu vergessen ist der Chor der Thunerseespiele, der einzelne Szenen wie beispielsweise den „Manteltanz“ stimmgewaltig unterstützt.

Bei der Premiere dieser stimmigen „Aida“-Inszenierung feiert das Publikum die Darsteller, die bei niedrigen Temperaturen und zeitweise bei Regen agieren, frenetisch mit langanhaltendem Applaus.

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Stehende Ovationen: „Der Besuch der alten Dame“ in Thun

Stehende Ovationen: „Der Besuch der alten Dame“ in Thun

Viele kennen das Buch „Der Besuch der alten Dame“ des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt, die wenigsten dürften es lieben – zumindest jene, die es im Deutschunterricht als Pflichtlektüre lesen mussten. Dabei sind die Themen des Stücks – Macht, Geld, Korruption, Vergebung und Schuld – aktueller denn je. Seine Uraufführung als Schauspielstück hatte die Tragikomödie im Jahr 1956 im Schauspielhaus Zürich. Nun hat es der Stoff als Musical ebenfalls auf eine Schweizer Bühne geschafft und ist auf der Seebühne in Thun zu sehen.

Ensemble Besuch der Alten Dame Foto: Iris Steger

Claire Zachanassian kehrt als starke und wohlhabende Frau in ihren Heimatort Güllen zurück, aus dem sie vor Jahrzehnten geflohen ist, nachdem sie von ihrem damaligen Geliebten Alfred Ill und der Bevölkerung von Güllen verraten und verkauft wurde. Güllen ist nahezu bankrott. Daher ist die Rückkehr von Kläri Wäscher, wie Claire Zachanassian früher hiess, ein Segen. Seit ihrem Fortgang sinnt Claire auf Rache und Gerechtigkeit – Rache an den Güllenern und vor allem an Alfred Ill sowie Gerechtigkeit für das Leid, das ihr einst widerfahren ist. Güllen ist auf die Hilfe der reichen Dame angewiesen, nichts ahnend, dass sie eigentlich ihr die Lage, in der sich die Stadt befindet, zu verdanken haben. Sie bietet der Bevölkerung zwei Milliarden Franken – unter einer Bedingung: Alfred Ill muss sterben. Clever macht sie sich dabei die Not der Bevölkerung zunutze und spinnt für ihren Rachefeldzug ein Netz aus Macht, Geld, Korruption und Habgier.

Pia Douwes (Claire Zachanassian) und Uwe Kröger (Alfred Ill). Foto: Iris Steger

Christian Struppeck (Buch) ist es hervorragend gelungen, das erfolgreiche Schauspielstück in einer modernen Inszenierung für die Musicalbühne zu adaptieren. Im Gegensatz zum Buch gibt es ein paar Änderungen, die aber den Charakter und die Erzählung des Stücks nicht verfälschen. Eine Änderung betrifft beispielsweise die Hauptprotagonistin selbst. Im Gegensatz zum Buch hat Claire Zachanassian im Musical ihr Vermögen selbst erwirtschaftet und nicht durch ihre zahlreichen Ehen geerbt. Weitere Neuerungen, die in Dürrenmatts Buch gar nicht vorkommen, sind die Figuren der jungen Claire (Kläri) und des jungen Alfred. Durch zeitliche Rückblenden wird erzählt, was damals wirklich in Güllen geschehen ist. Dies trägt wesentlich zum Verständnis bei, weshalb Claire nach Rache und Gerechtigkeit sinnt.

Andreas Gergen (Regie) hat es verstanden, die gekürzte Fassung spannend und unterhaltsam zu gestalten und die Figuren deutlich zu zeichnen. Unterstützt wird dies durch die lebendige und tempogeladene Choreografie von Simon Eichenberger. Grandios, wie er sich die Wasserfläche auf der 

Bühne zu nutzen macht und diese eindrücklich mit einbezieht. Besonders gefallen hier die Ensemblenummer „Ungeheuerlich“ und „Tempel der Moral“. Die Musik von Moritz Schneider und Michael Reed, der auch für die Arrangements verantwortlich ist, sowie die Liedtexte von Wolfgang Hofer sind absolut zweckdienlich. Mal berührend, mal mitreißend wechseln sich die Lieder während des Stücks ab. Die Melodien prägen sich schnell im Gedächtnis ein. Der Musikalische Leiter Iwan Wassilevski dirigiert das 23-köpfige Orchester dabei sicher und schwungvoll durch das Stück.

Das Bühnenbild von Heinz Hauser ist ein überdimensionales Monopoly-Feld: Durchgestrichene Spielfelder, da in Güllen zum Beispiel kein Juwelier mehr geöffnet hat, zwei große Würfel und schiefe Häuserfassaden auf einer Wasserfläche, die sich im Laufe des Stücks aufrichten, je besser es der Stadt geht. Eine schwarze Fläche, die schräg zum Monopoly-Feld steht, wird für die Szenen der Vergangenheit genutzt und hebt sich so vom Rest des Bühnenbilds ab. Die insgesamt eher schlicht gehaltene Szenerie trägt dazu bei, der Handlung genügend Raum zu geben. Ergänzend dazu das gelungene Lichtdesign von Guido Petzold, das sich wunderbar mit dem Bühnenbild ergänzt – lediglich die starken, manchmal zu grellen Spots sind etwas störend. Der Ton (Thomas Strebel) ist dafür immerzu gut verständlich, die Abmischung von Orchester, Chor und Solisten wunderbar gelungen. Uta Lohner und Conny Lüders zeigen mit den Kostümen zunächst einmal, wie armselig es um die Güllener steht, denn die Darsteller tragen triste Kleidung mit grünen Gummistiefeln. Im Laufe der Handlung werden die Kostüme dann farbenfroher, was den zunehmenden Reichtum der Bevölkerung verdeutlicht.

Pia Douwes (Claire Zachanassian) und Uwe Kröger (Alfred Ill). Foto: Iris Steger

Mit der Verpflichtung von Pia Douwes und Uwe Kröger ist der Seebühne Thun ein wahrer Glückgriff gelungen. Gekränkt, gedemütigt und verstoßen – die Kläri, die Güllen damals verlassen hat, hat nichts mehr mit der Claire Zachanassian gemein, die nach Jahrzehnten in ihren Heimatort zurückkehrt. Clever und reich hat sie einen Plan, wie sie ihre Gerechtigkeit einfordert, um Rache an den Menschen zu nehmen, die ihr damals großes Leid zugefügt haben. Trotz ihrer Gehbehinderung wirkt jeder Schritt sicher und entschlossen. Pia Douwes verkörpert Claire Zachanassian beeindruckend. Jede Emotion, jede Regung und Handlung nimmt man ihr ab. Mit ihrer ausdrucksstarken Stimme und dem besonderen Timbre drückt sie den Songs ihren unverkennbaren Stempel auf, was sie eindrücklich auch bei dem Lied „Gerechtigkeit“ unter Beweis stellt.

Vom Bürgermeister-Kandidaten zum Gejagten: Beste Freunde werden zu Feinden, nirgends ist Alfred Ill mehr sicher. Sogar seine eigene Familie wendet sich gegen ihn. Am Ende ist er jedoch der, der seine Schuld anerkennt und sein Schicksal über sich ergehen lässt. Dies macht ihn zu einem starken Mann und die Bevölkerung von Güllen zu Mördern. Uwe Kröger zeigt als Alfred eine starke schauspielerische Leistung. Stimmlich gefällt er vor allem in den ruhigen Passagen der Lieder. Sobald er aber kräftiger singt, klingen die Töne gepresst und wirken dadurch disharmonisch. Ein wunderbarer Moment gelingt mit dem Duett „Liebe endet nie“ von Douwes und Kröger.

Im Gegensatz zum Buch erhalten der Bürgermeister (Hans Neblung), der Lehrer (Ethan Freeman), der Polizist (Norbert Lamla) und der Pfarrer (Dean Welterlen) im Musical Namen, was zu noch mehr Persönlichkeit im Stück führt. Macht, Geld und Korruption machen auch vor den oberen Gemeindemitgliedern in Güllen nicht Halt. Jeder möchte einen Teil des Geldes bekommen, sei es für ein neues Stadthaus, eine neue Uniform oder eine neue Kirchglocke. Überzeugend sind Neblung, Freeman, Lamla und Welterlen durch und durch. Als Alfred Ills Frau Mathilde gefällt zudem Masha Karell mit ihrer klangschönen Stimme, mit der sie den Song „Ich schütze dich“ intoniert.

„Der Besuch der alten Dame“ lebt in Thun auch aufgrund des stark agierenden Ensembles, das eine durchweg gute Leistung zeigt, sowie den tollen Kinderdarstellern. Zusammen mit dem gesanglich starken Chor der Seebühne Thun entstehen eindrückliche Szenen. Und am Ende? Stehende Ovationen.

Fotogalerie „Besuch der alten Dame“:
Fotogalerie „Besuch der alten Dame“ Thun 2013

Kurz Nachgefragt bei Pia Douwes:
Interview mit Pia Douwes

Kurz nachgefragt bei Michael Flöth: Kapitän in meiner Badewanne

Kurz nachgefragt bei Michael Flöth: Kapitän in meiner Badewanne

Der Opernsänger Michael Flöth steht seit fast 40 Jahren auf Theaterbühnen im In- und Ausland und ist auch im Musicalgenre zu Hause. So wirkte er unter anderem schon in „Elisabeth“, „Spamalot“ und „20.000 Meilen unter dem Meer“ mit. Aktuell spielt er auf der Seebühne im schweizerischen Thun den Kapitän E.J. Smith im Musical „Titanic“. Die Rolle ist ihm vertraut, da er sie bereits vor zehn Jahren bei der deutschsprachigen Erstaufführung in Hamburg gespielt hat. Im Interview spricht er über diese Rolle, aber auch über die vergangenen zehn Jahre, neue Sichtweisen und andere Kapitänsrollen.

Als das Musical „Titanic“ im Jahr 2002 seine deutschsprachige Erstaufführung feierte, haben Sie bereits den Kapitän E.J. Smith verkörpert. Die Rolle haben Sie nun auch in Thun übernommen. Mittlerweile sind zehn Jahre verstrichen. Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihre Zeit auf der Hamburger Titanic?
Die grundlegende Charakterisierung ändert sich nicht. Die Person und die Handlung ist dieselbe. Ein deutlicher Unterschied ist allerdings die Atmosphäre. Es ist traumhaft, die Rolle nach zehn Jahren in dieser Umgebung, die sehr inspirierend ist, noch mal zu spielen. Eine der Previews wurde im Regen gespielt, und das war wunderbar. Der Regen hat uns die Natur noch näher gebracht. Wir sehen das Panorama ja nicht immer. Insofern wurde uns deutlich: Wir spielen mit der Natur.

In Thun spielen Sie mit einigen Kollegen, mit denen Sie auch in Hamburg auf der Bühne standen (z.B. Lucius Wolter, Jens Janke). Ein großes Wiedersehen also?
Natürlich! Das Theater ist eine Familie. Man sieht sich spätestens nach ein bis zwei Jahren in anderen Produktionen wieder, spielt andere Rollen und wird dadurch reifer. In Thun spielen die Kollegen ja auch andere Rollen. Daher war es für sie – im Gegensatz zu mir, der dieselbe Rolle noch mal spielt – eine besondere Situation, da sie die neuen Rollen kreieren mussten.

Sie haben es schon erwähnt: Während einige Ihrer Hamburger Kollegen in Thun nun andere Rollen übernommen haben, spielen Sie wieder die gleich Rolle wie schon vor zehn Jahren. Ist Ihnen diese Rolle ans Herz gewachsen? Was verbinden Sie mit der Rolle, oder besser gesagt: Was verbinden Sie mit dem echten E.J. Smith?
In vielen Interviews und Gesprächen wurde immer auch nach der besonderen Schuld des Kapitäns gefragt, weniger nach der Verantwortung anderer. Unter Berücksichtigung aller Umstände, die zur Tragödie führten, kann man durchaus behaupten, dass die Titanic nicht das Schicksal ereilt hätte, wenn sich nur eine der vielen Ursachen nicht ereignet hätte. Hierzu nur ein Beispiel: Ein Mitarbeiter hatte aus Verärgerung über seine Kündigung vor dem Ablegen der Titanic die beiden Ferngläser versteckt. Hätte der Ausguck aber ein Fernglas im Krähennest gehabt, wäre der Eisberg früher gesichtet worden. Hätte der 1. Offizier Murdock daraufhin nicht den Befehl „Volle Kraft zurück“ erteilt, wäre das Schiff nicht mit dem Eisberg kollidiert.In der Originalfassung kommt noch stärker zur Geltung, dass dem 1. Offizier das nötige Selbstvertrauen fehlt, ein eigenes Schiff zu führen. Das ist ja auch der Grund, weshalb der Kapitän ihm zur Stärkung seines Selbstbewusstseins in der Unglücksnacht das Kommando überträgt. In meiner Darstellung versuche ich, das Eingeständnis der Mitschuld durch die emotionale Anteilnahme am Schicksal der Passagiere und Besatzung aufzuzeigen. In der Hamburger Inszenierung hatte ich noch durchgesetzt, dass ich im Moment des Untergangs auf der Brücke zu sehen bin, quasi bewusst in den Tod gehe. Das ist auch  die Verbundenheit mit der Rolle – Verantwortung zu tragen. Und die Verbundenheit mit dem Kapitän E.J. Smith? Es ist sein Humor und seine Freude an der Kommunikation.

Gehen Sie jetzt anders an Ihre Rolle heran als noch vor zehn Jahren? Haben Sie vielleicht sogar einen anderen Blick auf das Stück und Ihre Rolle?
Nein, das Wesentliche ist geblieben. Da war ich auch mit dem Regieteam in Bezug auf die Charakterisierung der Figur einig. Aber es hat sich insofern einiges geändert, da die Dimension eine andere ist – das Spielen unter freiem Himmel. Die Natur hat doch einen großen Einfluss, und deshalb muss man den Text auch anders gestalten als in einem Theater. Ich hoffe, dass man das  auch entsprechend erkennt.

Mal abgesehen davon, dass in Thun open-air gespielt wird: Was sind für Sie die größten Unterschiede zwischen den Inszenierungen in Hamburg und Thun?
Ich möchte darauf mit dem typisch makabren, englischen Humor antworten: Es ist hier in den Alpen wesentlich leichter als in Hamburg, einen Eisberg zu treffen.

Ist es nicht ein schweres Unterfangen, den Untergang des wahrscheinlich berühmtesten Schiffs der Welt auf eine Musicalbühne zu bringen?
Es liegt wohl im momentanen Trend, nicht nur berühmte Ereignisse, sondern auch berühmte Personen auf die Musicalbühne zu bringen. Das verbindende Element wird immer das menschliche Schicksal sein und die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Und das ist kein schwieriges Unterfangen – das ist das Ziel des Theaters!

Das Musical „Titanic“ hat mit dem gleichnamigen Film von James Cameron nicht viel gemeinsam – mal abgesehen von der Katastrophe an sich. Fluch oder Segen?
Für diejenigen, die neugierig sind, Handlungen durch die Kraft der Musik tiefer erleben zu wollen und die wahre Geschichte sehen möchten, ist es ein Segen.

Sie spielen nun zum zweiten Mal den Kapitän der Titanic, standen zwischenzeitlich auch als Kapitän Nemo im Musical „20.000 Meilen unter dem Meer“ auf der Bühne. Ist das Zufall oder wollten Sie schon immer mal Kapitän spielen?
Hinzu kommt ja auch noch die neue NDR-Fernsehserie „Jümmer Justizgeschichten“, die seit Dezember 2011 produziert wird. Auch hier spiele ich einen Kapitän. Aber in der Tat ist das wohl eher Zufall. Denn bis zur Hamburger „Titanic“-Inszenierung war ich nur in meiner Badewanne Kapitän.

Interview: Iris Steger & Dominik Lapp

Absolut sehenswert: „Titanic“ in Thun

Absolut sehenswert: „Titanic“ in Thun

Als die Titanic am 10. April 1912 in See stach, galt sie als unsinkbar. Doch die Jungfernfahrt endete bereits am 14. April 1912 in einer der größten Schiffkatastrophen des 20. Jahrhunderts. Durch die Kollision mit einem Eisberg verloren in jener Nacht fast 1.500 Menschen ihr Leben. Im Jahr 1997 feierte das Musical „Titanic“ aus der Feder von Maury Yeston und Peter Stone seine Uraufführung am Broadway, im Dezember 2002 folgte die deutschsprachige Erstaufführung in Hamburg. Trotz des bislang eher mäßigen Erfolgs kam das Musical nun auf der Seebühne in Thun zur Schweizer Erstaufführung.

Großartige Kulisse für „Titanic“ in Thun. Foto: Iris Steger

In Thun wird „Titanic“ in einer auf zwei Stunden verkürzten Fassung gespielt – ohne Pause. Regisseur Max Sieber ist dabei eine hervorragende Inszenierung gelungen, die Übergänge sind flüssig und die Szenen in sich stimmig. Unterstützt wird alles durch die fetzige und unterhaltsame Choreografie von Simon Eichenberger. Iwan Wassilevski, Musikalischer Leiter des Thuner Seebühnen-Orchesters, dirigiert sicher und führt seine Musiker sauber durch das Stück. Das Bühnenbild von Ueli Binggeli hinterlässt einen bleibenden Eindruck und ergänzt die ohnehin beeindruckende Kulisse rund um den Thunersee perfekt. Die Kostüme von Regina Staiger und Bettina Steiner sind dem Stil der 1920er Jahre entsprechend und sehr schön anzusehen. Die Lichtgestaltung von Guido Petzold ist in sich stimmig, auch wenn die Ausleuchtung einzelner Szenen nicht ganz vorteilhaft gelingt, wodurch es auf der Bühne ab und an zu duster wirkt.

Leinen los, die Titanic sticht in See. Foto: Iris Steger
Leinen los, die Titanic sticht in See. Foto: Iris Steger

Michael Flöth spielt den Kapitän Edward J. Smith ausdrucksstark. Hin- und hergerissen zwischen Verantwortung für Schiff und Passagiere sowie Pflichtbewusstsein gegenüber des Eigentümers Bruce Ismay. Jörn Linnenbröker als 1. Offizier Murdoch, der an seinem Schuldbewusstsein zu zerbrechen droht, da er in der Katerstrophennacht der diensthabende Offizier auf der Brücke war, zeigt eine gute Leistung. Als 2. Offizier Charles Lightoller, der Selbstbewusstsein ausstrahlt und somit das Gegenteil von Murdoch ist, liefert Patrick Adrian Stamme eine ebenso gute Leistung ab. Gesanglich agieren beide mit kräftiger Stimme.

Arrogant, selbstherrlich und mit energiegeladener Stimme gibt David Morell den Eigentümer Bruce Ismay, der nur eines im Sinn hat: Den Erfolg einer Rekordüberfahrt nach Amerika als Schiffseigner ohne Rücksicht auf Mensch und Maschine. Stolz und von seinem Schiff bis zuletzt überzeugt, hinterlässt Lucius Wolter als Thomas Andrews stimmlich wie schauspielerisch einen bleibenden Eindruck.

Katja Uhlig (Kate McGowan) und
Sasha Di Capri (Jim Farrell). Foto: Iris Steger

Philipp Hägeli agiert als Heizer Frederick Barrett, der sich um „sein“ Schiff sorgt, stark und kann mit eindringlicher Stimme punkten. Wolfgang Türks gelingt als Funker Harold Bride eine solide schauspielerische Leistung, bleibt stimmlich aber gerade beim Männerduett „Heiratsantrag“ etwas zu schwach. Als Bandleader Wallace Hartley bleibt Jens Janke mit seiner mitreißenden Darbietung und virtuosen Stimme im Gedächtnis. Katja Uhlig als Kate McGowan und Sasha Di Capri als Jim Farrell begeistern mit nuanciertem Schauspiel und gefühlvollen Stimmen, vor allem im Duett „Drei Tage“.

Auch an eine Portion „Swissness“ wird gedacht. So machen sich die extra für diese Aufführung erfundenen Charaktere Bertha und Johann Lehmann – stark von Bea Rohner und Roland Herrmann gespielt – auf den Weg nach Amerika. Neu eingebaut wurde auch der „Irish Jig“, eine fetzige Ensemblenummer der Passagiere der dritten Klasse. Das insgesamt stark agierende Ensemble liefert in Kombination mit dem Chor der Seebühne Thun eine hervorragende Leistung ab.

David Morrell (Bruce Ismay), Lucius Wolter (Thomas Andrews) und Michael Flöth (Kapitän E.J. Smith). Foto: Iris Steger

Einen unvergesslichen Eindruck hinterlässt letztendlich auch die Untergangsszene der Titanic. Hierbei werden die Seitenteile der Bühne, die die erste Klasse auf der rechten Seite sowie die zweite und dritte Klasse auf der linken Seite darstellen, mithilfe von hydraulischen Hebebühnen entsprechend der Neigung während des Untergangs des Schiffes nach oben gefahren. Die Titanic versinkt dank gelungener Animation tatsächlich im Thunersee: Die letzten Sekunden der Titanic werden auf einem Wasservorhang über dem See als fortlaufender Film projiziert.

Eindrucksvoll gelingt auch die Szene nach dem Untergang, als Rettungsboote auf dem Thunersee nach Überlebenden suchen. Zweifelsohne ist es der Seebühne in Thun mit „Titanic“ gelungen, aus einem bisher eher mittelprächtig angenommenen Musical eine absolut sehenswerte Inszenierung zu machen, die vom Premierenpublikum entsprechend gewürdigt wurde.

Fotogalerie:
Fotogalerie zu „Titanic“, Seebühne Thun

Interview:
Interview mit Michael Flöth: Kapitän in meiner Badewanne auf thatsMusical.de