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Gelungene Komödienpremiere in Thun: „Sugar – Manche Mögen’s Heiss“

Gelungene Komödienpremiere in Thun: „Sugar – Manche Mögen’s Heiss“

Was tun, wenn man während eines banalen Botenganges mitten in Chicago Zeugen eines Mafia Bandenkrieges wird? Beine in die Hand und um sein Leben rennen? Joe und Jerry, zwei mittellose Musiker, entschliessen sich genau das zu tun. Nichts wie weg aus Chicago, aber wie ohne Geld? So kommt es ihnen ganz gelegen, dass die Mädchenband „Society Sopranos“, um Bandchefin Sweet Sue, auf der Suche nach zwei Musikern für die bevorstehende Reise nach Miami ist. Eigentlich wären Joe und Jerry prädestiniert für den Job, allerdings bekommen sie als Männer von Band-Manager Bienstock einen Korb, da ausschliesslich weibliche Mitglieder gewünscht sind. Vor der Abfahrt des Zuges schafft es Sugar Kane, der Star der „Society Sopranos“, gerade noch rechtzeitig zum Bahnhof und mit ihr die beiden neuen Musikerinnen Josephine und Daphne. Es dauert nicht lange bis Mafia-Boss Spats Palazzo und seine Männer den beiden auf die Spur kommen und sie im Grand Shell Hotel in Miami aufspüren. Zu allem verliebt sich Joe alias Josephine in Sugar Kane und Jerry alias Daphne verdreht dem rüstigen Millionär Sir Osgood Fielding III den Kopf. Das Chaos in Florida ist vorprogrammiert.

„Some like it hot“ von Billy Wilder und I.A.L. Diamond, basierend auf einer Story von Robert Thoeren, wurde 1959 mit Marilyn Monroe als Sugar, Tony Curtis als Joe und Jack Lemmon als Jerry verfilmt. Die an sich unglaubwürdige Geschichte spielt im tristen Chicago der 1920er Jahre. Der Schlusssatz des Films „Well, nobody’s perfect“ wurde legendär und hat sich als Redensart auch im Deutschsprachigen Raum etabliert. Während die Filmvorlage zur besten amerikanischen Komödie aller Zeiten gekürt wurde, scheiterte der erste Versuch den Stoff als Musical zu adaptieren an der Machart der Filmkomödie. Im Jahr 1972 feierte „Sugar“ im Majestic Theatre am Broadway seine Uraufführung und erst 1992 folgte die Premiere am Westend in London. Das Buch zum Musical stammt von Peter Stone, Bob Merrill lieferte die Gesangstexte und die Musik stammt aus der Feder von Jule Styne.

Ensemble und Marie-Ankes Lump als Sugar Kane|Foto: Iris Steger
Ensemble und Marie-Ankes Lump als Sugar Kane | Foto: Iris Steger

Einmal mehr bietet Thun mit dem See sowie Eiger, Mönch und Jungfrau eine wunderbare Kulisse für ein Musicalerlebnis im Sommer. Das Bühnenbild von Marlen von Heydenaber zeigt eine nach innen geöffnete Muschel mit einer grossen Showtreppe in der Bühnenmitte. Die seitlichen Kulissen sind mal Zugabteil, Hotelzimmer, Bar oder Garage. Heydenaber gelingt es mit Liebe zum Detail die Unterschiede zwischen dem tristen Chicago und dem farbenfrohen Miami herauszuarbeiten. Als minim störend erweiset sich allerdings das kahle Gerüstgestänge, mit welchem die Muschel gehalten wird, auch wenn dieses zeitweise als Spielfläche genutzt wird. Die Kostüme von Mareike Delaquis Porschka spiegeln die Epoche der 1920er Jahre wieder. Ihr gelingt eine klare Trennung zwischen der Tristesse der Bürger von Chicago, den Mafia Gangstern und dem farbenfrohen Leben in Miami. Ein Hingucker sind die Kostüme der Showgirls. Die unterschiedlichen Handlungsorte werden durch das Lichtdesign von Carsten Bosch zusätzlich hervorgehoben und bilden so eine Symbiose zwischen Bühnenbild, Darstellern und Licht.

Ensemble und Marie-Anjas Lumpp als Sugar Kane | Foto: Iris Steger
Ensemble und Marie-Anjas Lumpp als Sugar Kane | Foto: Iris Steger

Der Film ist eine temporeiche Parodie auf die düstere Zeit der Gangster und Ganoven der 1920er Jahre, die mit zahlreichen komödiantischen Szenen, sexistischen Anspielungen der Geschlechter und Slapstick Einlagen gespickt ist. Und genau hier liegt die Herausforderung der Musical Adaption, die ruhiger daherkommt als die Filmvorlage. Für die Regie in Thun zeigt sich Werner Bauer verantwortlich, der sich stark an die Filmvorlage hält. Allerdings schafft er eine eigenständige Erzählweise, vor allem dann, wenn die sehenswerte Choreographie von Christopher Tölle mit ins Spiel kommt. So sind die Shownummern auf der grossen Treppe und den Etagen der grossen Muschel ein Hingucker. Das Orchester unter der versierten Leitung von Ivan Wassilevski bringt die jazzigen Songs der Roaring Twenties schmissig zu Gehör. Das Tondesign von Thomas Strebel macht einfach nur Spass und gibt Orchester und Darstellern genügend Raum zur Entfaltung.

Franz Frickel als Daphne, Maximilian Mann als Josephine und Marie-Anjas Lumpp als Sugar Kane | Foto: Iris Steger
Franz Frickel als Daphne, Maximilian Mann als Josephine und Marie-Anjas Lumpp als Sugar Kane | Foto: Iris Steger

In die Fussstapfen von Marilyn Monroe, Jack Lemmon und Tony Curtis zu treten ist sicher eine Herausforderung, zumal dieses Trio den Film massgeblich geprägt hat. Nichtsdestotrotz gelingt es den drei Hauptprotagonisten eine eigene Interpretation der Rollen. Marie-Anjes Lumpp spielt Sugar Kane mit der nötigen Naivität ohne das Sexappeal der Rolle ausser Acht zu lassen. Ihre Interpretation des Songs „I wanna be loved by you“ überzeugt, intoniert sie diesen mit ihrer starken und klaren Stimme. Das wichtigste bei einer Komödie ist ein gutes Timing für die komödiantischen Einlagen. Dies gelingt Franz Frickel als Jerry/Daphne und Maximilian Mann als Joe/Josephine auf ganzer Linie. Hervorragend ergänzt wird das Trio von einem glänzend aufspielenden Walter Andreas Müller „WAM“ als rüstigen Millionär Sir Osgood Fielding III.

Während Spaz Palazzo seine Ganoven zuerst durch Chicago und dann durchs Grand Shell in Miami hetzt, finden auch Bandchefin Sweet Sue und Band-Manager Bienstock in dem ganzen Tohuwabohu zueinander. Sven Olaf Denkinger als Spaz Palazzo, Lada Wongpeng als Sweet Sue und Tilmann von Bloomberg als Bienstock zeigen eine gelungene Darstellung und interpretieren ihre Figuren Rollengerecht. Das ganze Ensemble, inklusive des Chor der Thuner Seespiele, sprüht vor Spielfreude und sorgt dadurch für einen unterhaltsamen Abend – das Publikum spendete begeisterten Applaus.

Fotogalerie zu „Sugar – Manche Mögen’s Heiss“ in Thun 2016

Kurz nachgefragt: Claudia Agar

Kurz nachgefragt: Claudia Agar

Vom 08. Juli – 22. August 2015 steht Claudia Agar als Lady Montague in „Romeo & Julia“ in Thun auf der Seebühne. Zuletzt war sie in Stuttgart in „Rebecca“ und als Donna in „Mamma Mia“ zu sehen. Im Rahmen der Pressepremiere hat Musicalstories & Photography bei der Schauspielerin kurz nachgefragt.

Nach dem Abschluss im Jahr 2000 an der UDK in Berlin haben Sie schon einige Rollen gespielt u.a. die Donna in „Mamma Mia“ oder in „Rebecca“. Gibt es in der Vorbereitung auf die Rollen bestimmte Abläufe oder Rituale?

Das ist ganz unterschiedlich. Generell bin ich froh, wenn ich vor Probenbeginn Textbuch und Noten bekomme, was nicht immer der Fall ist. Ich gehe gerne nach dem Text und schaue was mir dieser gibt. Abgesehen vom ganzen Stückbogen, schaue ich was passiert mit dem Stück, wo hat die Rolle ihre Bögen und wie entwickelt sich die Rolle. Dann schaue ich natürlich auch die musikalische Seite an. Manchmal hat man das Gefühl das passt nicht und am Ende fügt sich aber alles zusammen. Ich spiele ja seit einigen Jahren immer wieder Mutterrollen und als zweifache Mama, obwohl meine Kinder noch klein sind, kann ich von den Erfahrungen einiges in die Rollen einbringen, gerade auf der Gefühlsebene. Dann schaue ich mir aber auch die Mütter um mich herum an, die ja auch unterschiedlich auf gewisse Situationen reagieren. Zusammenfassend sind für mich einerseits der Text wichtig und das was ich um mich wahrnehme, suche quasi „Vorbilder“ und schau dann was für mich zum Text passt.

Im Stück „Romeo & Julia“ verlieren Sie als Lady Montague auf recht tragische Weise Ihren Sohn. Was ist das als zweifache Mutter für ein Gefühl? Kommen da eigene Emotionen in die Rollenauslegung und wie setzen Sie diese Trauer um?

Ich kann mich da, glaub ich, gar nicht von den eigenen Emotionen abgrenzen. Vielleicht macht mich dies zu einer schlechten oder auch zu einer guten Schauspielerin, dass weiss ich nicht so genau. Davon abgesehen hat man noch eigene Lebenserfahrung, wo man mit dem Thema Tod in Berührung gekommen ist und auch dies benutze ich für die Auslegung der Rolle.

Shakespeares Romeo und Julia ist ein sehr klassisches Stück. Man weiss zum Beispiel, dass die Balkon-Szene im Original gar nicht vorkam. Haben Sie sich in der Vorbereitung auf die Rolle der Lady Montague mit dem Originalstück auseinander gesetzt oder sich nur von dem Text inspirieren lassen?

Das Original von Shakespeare habe ich mal in der Schule und zu einem späteren Zeitpunkt nochmal gelesen, allerdings wusste ich da nicht, dass ich das Stück jemals spielen werde. Für die Vorbereitung hier in Thun habe ich das Stück nicht nochmal neu aufgerollt, sondern habe geschaut, was ich noch für Erinnerungen habe. Hauptsächlich transportiere ich den Text und die Rolle so, wie sie für diese Inszenierung gedacht ist. Natürlich kann man sich von dem Original und dem Drumherum inspirieren lassen, aber man darf es auch, meiner Meinung nach, nicht zu überfrachten.

Als Lady Montague machen Sie ein auf und ab der Gefühlswelt durch. Einerseits sind Sie sehr stolz auf Ihren Sohn und freuen sich für ihn, anderseits leiden Sie mit ihm. Wie viel Ihrer eigenen Persönlichkeit ist in der Rolle drin?

Es gibt immer einen relativ grossen Anteil Persönlichkeit in der Rollenauslegung. In Prozent kann ich das allerdings nicht beziffern. Ich benutze wirklich viel von dem was ich erfahren habe, so wurde es uns ja auch an der UDK in Berlin gelehrt. Zuerst in uns rein gehen und schauen was da vorhanden ist. Wenn dies nicht reicht, dann schaut man sich die Umgebung an und wie kann ich dies für die Rolle adaptieren. Ich denke da gibt es schon einiges von mir, was sich in der Rolle wiederspiegelt. Am Anfang bin ich ja die Aufmüpfigere der beiden Ladies, quasi der Giftzwerg von beiden. Grundsätzlich bin ich ein harmoniesüchtiger Mensch, aber je nach Umstand kann man mich schon reizen, ich hau dann schon mal auf den Tisch und kann etwas lauter werden. Das ist sicher eine Eigenschaft von mir, die in der Rollenauslegung der Lady Montague steckt. Je nach Situation und Emotion geschieht dies in unterschiedliche Mengen.

Zum ersten Mal hier in Thun und Open Air auf einer Seebühne. Was ist das für ein Gefühl vor so einer Kulisse hier in der Schweiz zu spielen und zum anderen verstehen Sie das Schweizerdeutsch schon ein bisschen?

Seit dem ich hier in Thun bin, zum ersten Mal war dies für eine Promotion im März, habe ich mich in diese Gegend verknallt. Ich liebe die Berge und mir gefällt es hier wirklich sehr. Die Schweizer sind anderes und ich habe hier bisher sehr viele offene Menschen erlebt, was mir sehr gefällt. Die Seebühne ist der Wahnsinn – eindrücklich was hier für so eine kurze Dauer auf die Beine gestellt und welcher Aufwand betrieben wird. Die Kulisse flasht total, aber da bin ich sicher nicht die einzige, die so empfindet. Alles in allem bin ich sehr dankbar für dieses Engagement, als Mensch, als Schauspielerin und es erfüllt mich gerade sehr. Es tut mir und meiner Familie, die mich oft besuchen, sehr gut hier zu sein. Wir können hier richtig durchatmen. Ursprünglich komme ich aus Niederbayern, auch wenn die beiden Dialekte nicht viel miteinander zu tun haben, glaube ich einen kleinen Vorteil beim Verständnis gegenüber Menschen aus Norddeutschland zu haben. Ich finde den Dialekt super charmant und entzückend. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass sich Schweizer gar nicht so richtig streiten können, weil der Dialekt einfach zu schön ist. Dieses geerdete und doch das bisschen freche kommt meiner Herkunft sehr nah. Dies ist sicher ein weiterer Grund, weshalb es mir hier so gut gefällt.

Rezension Romeo & Julia:
„Romeo & Julia“ – Verona am Thunersee

Fotogalerie Romeo & Julia:
Fotogalerie Romeo & Julia in Thun

„Romeo & Julia“ – Verona am Thunersee

„Romeo & Julia“ – Verona am Thunersee

Verona: Der Familienzwist zwischen den Capulets und den Montagues hält die Stadt in Atem. Korruption, Erpressung, Bestechung und Gewalt stehen an der Tagesordnung. Der Staatsanwalt kommt bei einem Autobombenanschlag fast ums Leben und die Carabinieri sind machtlos. Eine Liebe zwischen Mitgliedern der beiden Familien ist undenkbar und doch verlieben sich Romeo Montague und Julia Capulet auf einem Ball unsterblich ineinander. Romeo & Julia möchten ihr Leben zusammen verbringen und planen schon nach kurzer Zeit heimlich ihre Hochzeit. Als bei einem erneuten Aufeinandertreffen der beiden Clans Tybald Romeos besten Freund Mercutio ermordet, geht dieser blind vor Trauer auf Tybalt los und erschlägt ihn. Romeo wird aus Verona verbannt und das junge Glück nimmt eine tragische Wendung.

Das Stück mit dem Originaltitel „The Most Excellent and Lamentable Tragedy of Romeo and Juliet“ ist im Jahr 1597 erschienen und stammt aus der Feder von William Shakespeare. Gèrard Presgurvic (Buch & Musik) adaptierte das Stück in eine Musicalfassung. „Romeo & Julia“ feierte im Jahr 2001 als Musical in Paris seine Uraufführung, 2005 erfolgte die deutschsprachige Uraufführung in Wien.

Ensemble „Romeo & Julia“, Foto: Iris Steger

Regisseur Christian von Götz verlagert seine Inszenierung in das 21. Jahrhundert. Facebook, Selfies & Co. halten Einzug in Verona. Eine seltsame Vorstellung? Mitnichten! Götz gelingt es, diese moderne Erzählweise des Stücks interessant und detailliert umzusetzen, die Kürzung fällt dabei kaum ins Gewicht. Seine präzise Personenführung, der Barbieball der Capulets, welcher herrlich kitschig daher kommt, und die unterhaltsame Umsetzung, gestalten das Stück durchgehend abwechslungsreich. Die BMX-Stunts (Andreas Halter/Joel Portenier) auf der Halfpipe sind das Tüpfelchen auf dem i. Einzig der Versuch der arrangierten Hochzeit von Julia passt sich nicht so Recht ins Gesamtbild der Modernität. Die starke und mitreissende Choreografie von Carlos Matos, die vor allem in den Ensembleszenen zum tragen kommt, verleiht der Inszenierung zusätzlich Schwung. Gekämpft wird mit Eisenstangen, Baseballschlägern und Fäusten – alles sieht so gekonnt aus, dass man Jochen Schmidtke für seine Kampfchoreographie nur gratulieren kann.

In diese Moderne fügt sich das Bühnenbild von Urlich Schulz nahtlos ein. Mit Blick auf Eigner, Mönch und Jungfrau thront eine rosarote Halfpipe auf der Seebühne. Auf der linken Seite sind die Capulets und auf der rechten Seite die Montagues zu Hause. Abwechselnd wird die Halfpipe mal zu Fuss, mal mit dem Skateboard oder mit den BMX geentert. Kleine detaillierte Ergänzungen lässt die Unterschiede zwischen den Familien gut erkennen, wie zum Beispiel die Initialen der Familien an den Türen. Das Lichtdesign von Michael Werner fügt sich wunderbar ins Bühnenbild ein und bringt einzelne Szenen noch mehr zur Geltung. Die Kostüme von Ulrich Schulz und Mareike Delaquis Porschka sind farbenfroh, fetzig und erlauben eine gute Unterscheidung zwischen den beiden Familienclans. Während die Capulets schrill und bunt daher kommen, mit Ausnahme von Julia, sind die Montagues eher normal und die Kostüme in neutraleren Farben gehalten. Dieses Bild zieht sich auch durch das Masken- und Perückendesign von Roland Fahm.

Die Musik ist passend zum Stück und treibt die Handlung voran, lässt allerdings einen richtigen Ohrwurm vermissen. Einzig „Ich bin schuldlos“ und „Die Angst“ heben sich vom Rest der Songs ab. Gekonnt und schwungvoll dirigiert Iwan Wassilevski sein Orchester durch die Partitur und bringt die Lieder schmissig zu Gehör. Der Chor der Thuner Seespiele unterstützt auf eindrückliche Weise einzelne Szenen mit seinen kraftvollen Darbietungen. Der Sound von Thomas Strebel gefällt, die Abmischung zwischen Orchester, Chor und Ensemble ist rundherum gelungen.

Romeo & Julia sind zwei verträumte 16-jährige Jugendliche, die sich nichts sehnlichster wünschen als die Liebe ihres Lebens zu finden. Während Julia sich gegen den Plan ihrer Eltern, den egozentrischen Paris (Tadellos: Georg Prohazka) zu heiraten, sträubt, versuchen Romeos Freunde ihm die Heirat mit Julia auszureden. Iréna Flury und Dirk Johnston gelingt die Darstellung der beiden Hauptcharaktere mühelos, ohne dabei zu übertreiben. Gesanglich agieren beide auf hohem Niveau und harmonieren wunderbar miteinander.

Die besten Freunde Mercutio und Benvolio stehen Romeo immer zur Seite. Mercutio ist der Draufgänger und Provokateur in dem Dreiergespann und Benvolio eher ein Träumer mit Flausen im Kopf. Absolut gelungen ist die Interpretation von Kurosch Abbasi als Mercutio. Tobias Bieri legt seine Schwerpunkte der Rolle mühelos an den richtigen Stellen. Tybalt ist die Reizfigur der Gegenseite und provoziert den Montague Clan auf jede erdenkliche Weise. Heimlich in Julia verliebt, lässt er seinem Frust über diese unerfüllte Liebe, vor allem gegenüber Romeo, freien Lauf. Ganz stark gelingt Philipp Büttner der Song „Ich bin schuldlos“.

Einen richtigen Draht zu ihrer Tochter haben weder Lady Capulet noch Lord Capulet. Glanz und Glamour ist ihnen wichtiger als ihr eigenes Kind. Herrlich überspitzt zeigen Kerstin Ibald und Björn Klein die Oberflächlichkeit ihrer Charaktere. Das ganze Gegenteil ist Romeos Mutter Lady Montague, die authentisch von Claudia Agar gespielt wird. Die Sorgen und das Leid einer Mutter spielt sie absolut überzeugend. Sowohl Ibald als auch Agar gefallen mit ihrem ausdrucksstarken und wohlklingenden Stimmen. Katja Berg als Amme gelingt eine Meisterleistung. Komödiantisch auf den Punkt, ohne aufgesetzt zu wirken, mimt sie die Julias Vertrauensperson ohne Fehl und Tadel. Als heimliche Vermittlerin der beiden Liebenden, unterstützt sie ihr Lämmchen wo sie nur kann. Ein Vergnügen ist die Szene als sie auf der Suche nach Romeo den Montague-Jungs begegnet und sich diese über sie lustig machen.

Steffen Häuser, in der Doppelrolle als Pater Lorenzo und als Bettler/Tod, hinterlässt besonders bei dem Song „Die Angst“ als Bettler/Tod einen bleibenden Eindruck, als er Romeo wie eine Art Marionette missbraucht. Er ist es, der Romeo den Baseballschläger gibt mit dem dieser Tybalt erschlägt und er reicht ihm auch die Giftflasche, um sich umzubringen. Paul Kribbe ist als Fürst machtlos gegenüber dem Treiben in Verona. Einziges Machtmittel ist die Verbannung von Romeo aus Verona und selbst dieser Schritt ist eher eine Notlösung, statt ein richtiger Schritt um in Verona wieder Ordnung herzustellen.

Alles in allem: Ein stark agierendes Ensemble, ein frisch auftretenden Marco Fritsche als Erzähler und nicht zuletzt die Geschichte von Romeo & Julia machen diese moderne Inszenierung absolut sehenswert. Das Publikum honorierte eine durchweg überzeugende Leistung mit Standing Ovations.

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Ägypten am Thunersee: „Aida“ in Thun

Ägypten am Thunersee: „Aida“ in Thun

Ägypten und Nubien befinden sich im Krieg, als sich der ägyptische Heerführer Radames ausgerechnet in eine nubische Gefangene verliebt – nicht ahnend, dass es ich dabei um die nubische Königstochter Aida handelt. Um in Aidas Nähe sein zu können, macht Radames sie seiner Verlobten, der ägyptischen Prinzessin Amneris, als Zofe zum Geschenk. Die beiden Frauen schließen Freundschaft – und die Dreiecksgeschichte wird kompliziert. Jetzt ist das Musical „Aida“ aus der Feder von Elton John (Musik) und Tim Rice (Buch) in einer gekürzten Fassung auch auf der Seebühne in Thun zu sehen,

Patricia Meeden (Aida) mit dem Ensemble.

Karel Spanhak hat ein für die Seebühne passendes einfaches Bühnenbild geschaffen, das sich wunderbar in die Kulisse des Thuner Sees einfügt. Am Anfang und Ende des Stücks befindet sich in der Mitte der Bühne ein überdimensionaler Pharaonenkopf, der sich während des Stücks in zwei Teile teilt, die sich dann links und rechts der Bühne befinden. Hinzu kommen einige Requisiten, die die Handlung unterstützen. Zentral sind hierbei quadratische Steine, die während des Stücks von den Gefangenen im Hintergrund zu einer Pyramide aufgeschichtet werden. Das stimmige Lichtdesign von Serge Schmuki ergänzt die Szenerie hervorragend und verleiht einzelnen Szenen noch mehr Tiefe und Ausdruck. Die Kostüme von Heike Seidler sind passend zum Stück und wunderbar herausgearbeitet. Die Unterscheidung zwischen Ägyptern und Nubiern ist klar ersichtlich. Auch die Gefolgsleute von Zoser sind deutlich hervorgehoben. Unterstützend wirkt dabei das gelungene Maskenbild von Ronald Fahm.

Regisseurin Katja Wolff ist mit „Aida“ eine starke Inszenierung gelungen. Die Charaktere sind deutlich gezeichnet und die Weite der Seebühne wird exzellent in die Szenen einbezogen, allerdings wäre etwas mehr Nähe in der Szene zwischen Zoser und Radames Disputs „Wie Vater, so Sohn“ stimmiger gewesen. Christopher Tölle hat eine zum Stück passende Choreografie entworfen, die sich wunderbar in die Inszenierung einfügt. Der Musikalische Leiter Ivan Wassilevski dirigiert sein Orchester sicher und sauber durch die poppig-rockige Musik von Elton John und auch der Ton von Thomas Strebel ist gut ausgesteuert und gefällt während der gesamten Vorstellung.

Als Aida besticht Patricia Meeden mit ihrer energiegeladenen und klangvollen Stimme. Hin- und hergerissen zwischen der Liebe zu Radames und ihrem Volk, muss sie sich am Ende für eine Seite entscheiden. Durch ihr ausdrucksstarkes Schauspiel gelingt Meeden eine glaubhafte Darstellung der nubischen Prinzessin. Als berührend bleibt der Song „Die Sonne Nubiens“ im Gedächtnis. Gelangweilt von ihrem Leben im Palast, findet die Pharaonentochter Amneris in der Sklavin Aida eine wahre Freundin, die ihr mit Rat und Tat zur Seite steht. Erst als sie erkennt, welche Gefühle Radames und Aida füreinander empfinden, zeigt sie wahre Größe und setzt ihre Bitte, die beiden gemeinsam sterben zu lassen, bei ihrem Vater durch. Sophie Berner spielt die Wandlung von der einfältigen Pharaonentochter zur zukünftigen Herrscherin Ägyptens überzeugend und kann mit ihrer dunkel legierten und klaren Stimme punkten. Mit der Heirat von Amneris ist die Zukunft von Radames als zukünftiger Pharao Ägyptens von dessen Vater Zoser perfekt vorausgeplant. Doch ist diese Zukunft nicht die, die auch Radames will, denn dieser liebt Aida und sieht in Amneris nur eine gute Freundin. Jörn-Felix Alt zeigt als Radames eine starke schauspielerische Darbietung, kann aber stimmlich nicht ganz an die Leistung der beiden Damen anknüpfen.

Zoser, der boshafte machtbesessene Strippenzieher im Hintergrund, versucht den Pharao von Ägypten heimtückisch mit Arsen zu vergiften, um seinen Plan in die Tat umzusetzen. Armin Kahl zeigt sich als Zoser stimmgewaltig, allerdings hätte etwas mehr Boshaftigkeit seiner Rolleninterpretation gut getan. Manuel Lopez als nubischer Sklave Mereb und Rebecca Stahlhut als Nehebka zeigen beide sehr gute Leistungen. In ihren Sprechrollen gefallen Thomas Wissmann als Pharao ebenso wie Walter Reynolds als nubischer König Amonasro. Nicht zu vergessen ist der Chor der Thunerseespiele, der einzelne Szenen wie beispielsweise den „Manteltanz“ stimmgewaltig unterstützt.

Bei der Premiere dieser stimmigen „Aida“-Inszenierung feiert das Publikum die Darsteller, die bei niedrigen Temperaturen und zeitweise bei Regen agieren, frenetisch mit langanhaltendem Applaus.

Fotogalerie:
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Interview – Kurz nachgefragt: Pia Douwes

Interview – Kurz nachgefragt: Pia Douwes

Die bekannte Musicaldarstellerin Pia Douwes steht zurzeit bei den Seespielen in Thun (Schweiz) auf der Bühne, wo sie die Claire Zachanassian in dem neuen Musical „Der Besuch der alten Dame“ spielt. Im Rahmen der Premiere hat Musicalstories & Photography bei Pia Douwes mal kurz nachgefragt.

„Der Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt gehört fast zu jedem Deutschunterricht in der Schule. Wie haben Sie sich auf das Stück vorbereitet?
Ich habe das Buch erst gelesen, als ich für diese Rolle angenommen wurde. In Holland ist das Buch keine Pflichtlektüre. Ich finde es ein genial geschriebenes Stück – Vergebung, Schuld, Mitläufertum, Macht und Geld sind ganz aktuelle Themen. Ich glaube, es ist uns gelungen, dieses geniale Buch von Dürrenmatt in einer Zeit, wo wir mehr mit Emotionen zu tun haben, noch menschlicher zu machen.

Was sind für Sie die wesentlichen Unterschiede zwischen Buch und Musical?
Das Musical ist im Gegensatz zum Buch menschlicher. Der Mensch hat verschiedene Gefühle in sich. Claire ist nicht nur schwarzweiß. Sie kommt zurück, und als sie Alfred sieht, geschieht etwas mit ihr und auch mit Alfred. Es passieren Sachen und es fängt an zu brodeln, auch gefühlsmäßig. Dann stellt sich die Frage: Kann man vergeben, kann man zu seiner Schuld stehen, kann eine Stadt für sich stehen oder sind die Menschen wieder Mitläufer, genau wie es in der Vergangenheit geschehen ist? Hat man daraus gelernt oder nicht? Durch die Musik hat das Stück an Menschlichkeit gewonnen. Es ist ambivalenter. Deshalb wird es den Menschen heutzutage auch näher gebracht, da viel mehr mit Emotionen gearbeitet wird.

Sie spielen Claire Zachanassian. Nach Elisabeth, Milady de Winter und Mrs. Danvers eine weitere Charakterrolle, die sowohl stark als auch verletzlich ist. Was macht den Reiz an diesen Rollen für Sie aus?
Weil es Konflikte gibt. Weil diese Frauen nicht stark oder böse sind. Denn es gibt einen Grund, weshalb sie so geworden sind. Mich interessiert dieser Grund. Warum passiert das? Was erleben diese Frauen? Das finde ich interessant.

Sie spielen das erste Mal in Thun auf der Seebühne. Was hat sie am meisten beeindruckt und wie ist es für Sie, in Thun zu spielen?
Es ist toll, open-air zu spielen. Ich liebe es. Ich habe ja schon drei Jahre in Bad Hersfeld gespielt. Es ist toll, mit dem Wetter und der Natur umgehen zu müssen. Denn die Natur hat ja ganz eigene Kräfte. Da können wir machen, was wir wollen – wir müssen uns den Umständen hingeben. Das Stück ist toll geschrieben, und eine neue Rolle zu kreieren, ist auch immer interessant.

Mit Uwe Kröger spielt ein langjähriger Kollege wieder an Ihrer Seite. Wie ist es, wieder gemeinsam spielen zu können?
Mit Uwe Kröger wieder auf einer Bühne zu stehen, ist klasse. Und dass wir zusammen nach Wien gehen, ist ein Geschenk.

Rezension „Besuch der alten Dame“:
Stehende Ovationen „Besuch der alten Dame“ in Thun

Fotogalerie:
„Besuch der alten Dame“ in Thun, 2013

Stehende Ovationen: „Der Besuch der alten Dame“ in Thun

Stehende Ovationen: „Der Besuch der alten Dame“ in Thun

Viele kennen das Buch „Der Besuch der alten Dame“ des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt, die wenigsten dürften es lieben – zumindest jene, die es im Deutschunterricht als Pflichtlektüre lesen mussten. Dabei sind die Themen des Stücks – Macht, Geld, Korruption, Vergebung und Schuld – aktueller denn je. Seine Uraufführung als Schauspielstück hatte die Tragikomödie im Jahr 1956 im Schauspielhaus Zürich. Nun hat es der Stoff als Musical ebenfalls auf eine Schweizer Bühne geschafft und ist auf der Seebühne in Thun zu sehen.

Ensemble Besuch der Alten Dame Foto: Iris Steger

Claire Zachanassian kehrt als starke und wohlhabende Frau in ihren Heimatort Güllen zurück, aus dem sie vor Jahrzehnten geflohen ist, nachdem sie von ihrem damaligen Geliebten Alfred Ill und der Bevölkerung von Güllen verraten und verkauft wurde. Güllen ist nahezu bankrott. Daher ist die Rückkehr von Kläri Wäscher, wie Claire Zachanassian früher hiess, ein Segen. Seit ihrem Fortgang sinnt Claire auf Rache und Gerechtigkeit – Rache an den Güllenern und vor allem an Alfred Ill sowie Gerechtigkeit für das Leid, das ihr einst widerfahren ist. Güllen ist auf die Hilfe der reichen Dame angewiesen, nichts ahnend, dass sie eigentlich ihr die Lage, in der sich die Stadt befindet, zu verdanken haben. Sie bietet der Bevölkerung zwei Milliarden Franken – unter einer Bedingung: Alfred Ill muss sterben. Clever macht sie sich dabei die Not der Bevölkerung zunutze und spinnt für ihren Rachefeldzug ein Netz aus Macht, Geld, Korruption und Habgier.

Pia Douwes (Claire Zachanassian) und Uwe Kröger (Alfred Ill). Foto: Iris Steger

Christian Struppeck (Buch) ist es hervorragend gelungen, das erfolgreiche Schauspielstück in einer modernen Inszenierung für die Musicalbühne zu adaptieren. Im Gegensatz zum Buch gibt es ein paar Änderungen, die aber den Charakter und die Erzählung des Stücks nicht verfälschen. Eine Änderung betrifft beispielsweise die Hauptprotagonistin selbst. Im Gegensatz zum Buch hat Claire Zachanassian im Musical ihr Vermögen selbst erwirtschaftet und nicht durch ihre zahlreichen Ehen geerbt. Weitere Neuerungen, die in Dürrenmatts Buch gar nicht vorkommen, sind die Figuren der jungen Claire (Kläri) und des jungen Alfred. Durch zeitliche Rückblenden wird erzählt, was damals wirklich in Güllen geschehen ist. Dies trägt wesentlich zum Verständnis bei, weshalb Claire nach Rache und Gerechtigkeit sinnt.

Andreas Gergen (Regie) hat es verstanden, die gekürzte Fassung spannend und unterhaltsam zu gestalten und die Figuren deutlich zu zeichnen. Unterstützt wird dies durch die lebendige und tempogeladene Choreografie von Simon Eichenberger. Grandios, wie er sich die Wasserfläche auf der 

Bühne zu nutzen macht und diese eindrücklich mit einbezieht. Besonders gefallen hier die Ensemblenummer „Ungeheuerlich“ und „Tempel der Moral“. Die Musik von Moritz Schneider und Michael Reed, der auch für die Arrangements verantwortlich ist, sowie die Liedtexte von Wolfgang Hofer sind absolut zweckdienlich. Mal berührend, mal mitreißend wechseln sich die Lieder während des Stücks ab. Die Melodien prägen sich schnell im Gedächtnis ein. Der Musikalische Leiter Iwan Wassilevski dirigiert das 23-köpfige Orchester dabei sicher und schwungvoll durch das Stück.

Das Bühnenbild von Heinz Hauser ist ein überdimensionales Monopoly-Feld: Durchgestrichene Spielfelder, da in Güllen zum Beispiel kein Juwelier mehr geöffnet hat, zwei große Würfel und schiefe Häuserfassaden auf einer Wasserfläche, die sich im Laufe des Stücks aufrichten, je besser es der Stadt geht. Eine schwarze Fläche, die schräg zum Monopoly-Feld steht, wird für die Szenen der Vergangenheit genutzt und hebt sich so vom Rest des Bühnenbilds ab. Die insgesamt eher schlicht gehaltene Szenerie trägt dazu bei, der Handlung genügend Raum zu geben. Ergänzend dazu das gelungene Lichtdesign von Guido Petzold, das sich wunderbar mit dem Bühnenbild ergänzt – lediglich die starken, manchmal zu grellen Spots sind etwas störend. Der Ton (Thomas Strebel) ist dafür immerzu gut verständlich, die Abmischung von Orchester, Chor und Solisten wunderbar gelungen. Uta Lohner und Conny Lüders zeigen mit den Kostümen zunächst einmal, wie armselig es um die Güllener steht, denn die Darsteller tragen triste Kleidung mit grünen Gummistiefeln. Im Laufe der Handlung werden die Kostüme dann farbenfroher, was den zunehmenden Reichtum der Bevölkerung verdeutlicht.

Pia Douwes (Claire Zachanassian) und Uwe Kröger (Alfred Ill). Foto: Iris Steger

Mit der Verpflichtung von Pia Douwes und Uwe Kröger ist der Seebühne Thun ein wahrer Glückgriff gelungen. Gekränkt, gedemütigt und verstoßen – die Kläri, die Güllen damals verlassen hat, hat nichts mehr mit der Claire Zachanassian gemein, die nach Jahrzehnten in ihren Heimatort zurückkehrt. Clever und reich hat sie einen Plan, wie sie ihre Gerechtigkeit einfordert, um Rache an den Menschen zu nehmen, die ihr damals großes Leid zugefügt haben. Trotz ihrer Gehbehinderung wirkt jeder Schritt sicher und entschlossen. Pia Douwes verkörpert Claire Zachanassian beeindruckend. Jede Emotion, jede Regung und Handlung nimmt man ihr ab. Mit ihrer ausdrucksstarken Stimme und dem besonderen Timbre drückt sie den Songs ihren unverkennbaren Stempel auf, was sie eindrücklich auch bei dem Lied „Gerechtigkeit“ unter Beweis stellt.

Vom Bürgermeister-Kandidaten zum Gejagten: Beste Freunde werden zu Feinden, nirgends ist Alfred Ill mehr sicher. Sogar seine eigene Familie wendet sich gegen ihn. Am Ende ist er jedoch der, der seine Schuld anerkennt und sein Schicksal über sich ergehen lässt. Dies macht ihn zu einem starken Mann und die Bevölkerung von Güllen zu Mördern. Uwe Kröger zeigt als Alfred eine starke schauspielerische Leistung. Stimmlich gefällt er vor allem in den ruhigen Passagen der Lieder. Sobald er aber kräftiger singt, klingen die Töne gepresst und wirken dadurch disharmonisch. Ein wunderbarer Moment gelingt mit dem Duett „Liebe endet nie“ von Douwes und Kröger.

Im Gegensatz zum Buch erhalten der Bürgermeister (Hans Neblung), der Lehrer (Ethan Freeman), der Polizist (Norbert Lamla) und der Pfarrer (Dean Welterlen) im Musical Namen, was zu noch mehr Persönlichkeit im Stück führt. Macht, Geld und Korruption machen auch vor den oberen Gemeindemitgliedern in Güllen nicht Halt. Jeder möchte einen Teil des Geldes bekommen, sei es für ein neues Stadthaus, eine neue Uniform oder eine neue Kirchglocke. Überzeugend sind Neblung, Freeman, Lamla und Welterlen durch und durch. Als Alfred Ills Frau Mathilde gefällt zudem Masha Karell mit ihrer klangschönen Stimme, mit der sie den Song „Ich schütze dich“ intoniert.

„Der Besuch der alten Dame“ lebt in Thun auch aufgrund des stark agierenden Ensembles, das eine durchweg gute Leistung zeigt, sowie den tollen Kinderdarstellern. Zusammen mit dem gesanglich starken Chor der Seebühne Thun entstehen eindrückliche Szenen. Und am Ende? Stehende Ovationen.

Fotogalerie „Besuch der alten Dame“:
Fotogalerie „Besuch der alten Dame“ Thun 2013

Kurz Nachgefragt bei Pia Douwes:
Interview mit Pia Douwes