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Schlagwort: Schweiz

Unterhaltsam und musikalisch auf hohem Niveau: „On the Town“ im Theater St. Gallen

Unterhaltsam und musikalisch auf hohem Niveau: „On the Town“ im Theater St. Gallen

Jazz, Swing und eine Prise Sexappeal sind zu Gast im Theater St. Gallen. Es ist das Jahr 1944 und es ist Krieg. Für die drei Matrosen Gabey, Ozzie und Chip ist die Tatsache dieser Abscheulichkeit für die nächsten 24h vergessen, denn sie haben in New York Landgang. Als Gabey in der U-Bahn das Bild der Miss U-Bahn des Monats, Ivy Smith, sieht und die junge Dame finden will, lassen seine Kumpels ihn nicht im Stich, obwohl der Aufenthalt so nicht geplant war. Sie vereinbaren Uhrzeit und Treffpunkt und machen sich getrennt auf die Suche.

Ozzie landet im Naturkundemuseum statt im Museum of Modern Art und trifft dort auf die Anthropologin Claire de Loone. Chip wird von auf dem Weg zur U-Bahn-Verwaltung von der Taxifahrerin Hildy Estherhazy aufgelesen, die ihr ganz eigenes Ziel verfolgt und so gar nichts von den Plänen von Chip wissen möchte. Gabey macht sich auf den Weg in die Carnegie Hall, in welcher Ivy in einem Studio angeblich Gesangsunterricht nimmt. Gabey hat Glück und trifft tatsächlich auf Ivy. Die beiden verabreden sich am Treffpunkt, sehr zum Unwillen von Ivys Gesangslehrerin Madame Dilly. Als Ivy nicht am vereinbarten Treffpunkt auftaucht, organisiert Hildy kurzerhand ihre Mitbewohnerin Lucy. Zu sechst ziehen sie durch die New Yorker Clubs. Claires Verlobter Pitkin begleicht im Nachhinein die Rechnungen der munteren Truppe und fühlt sich zunehmend ausgenutzt. Gabey lässt der Gedanke an Ivy nicht los und so bringt er über ihre Gesangslehrerin Madame Dilly, die Ivy aufgrund ihrer Schulden zur Arbeit geschickt hat, in Erfahrung, wo Ivy arbeitet. Als ihnen auf Coney Island die Verhaftung droht, kann Pitkin die Situation erneut retten. Die drei Männer müssen wieder auf ihr Schiff und verabschieden sich von ihren Bekanntschaften. Ein neuer Tag bricht in New York an und neue Matrosen geniessen für 24h die Stadt, die niemals schläft.

Mönch, Alt, Prohaska, Hauser, Pfeifer / Foto: Andreas J. Etter

Das Stück feierte im Dezember 1944 im Adelphi Theatre New York seine Uraufführung. Im Hintergrund des zweiten Weltkriegs, sollte die Komödie von Leonard Bernstein, Betty Comden (Buch) und Adolph Green (Buch), in Verbindung mit den zu dieser Zeit diskutierten Themen der modernen Frau und des aufkommenden Sexappeals, Unterhaltung bieten. Das Stück feierte am 09. Dezember 2017 am Theater St. Gallen Premiere und wird in englischer Sprache mit deutschen Dialogen aufgeführt. „On the Town“ ist das erste Musical von Leonard Bernstein und vereint Jazz, Swing und symphonische Klänge auf mitreissende Art. Das Sinfonieorchester des Theater St. Gallen unter der Leitung von Michael Brandstätter spielt Bernsteins Melodien begeisternd auf den Punkt.

Jörn-Felix Alt, Daniel Prohaska, Boris Pfeifer / Foto: Andreas J. Etter

Josef E. Köpplinger inszeniert die Geschichte der drei Matrosen auf lebendige Weise und verbindet nachdenkliche, witzige und slapstickartige Momente gekonnt. Die gut durchdachte Choreografie von Adam Cooper ergänzt sich wunderbar mit der Inszenierung und lässt die Tanzkompanie des Theaters auf ganzer Linie glänzen. Im einfachen aber ausgeklügelten Bühnenbild von Rainer Sinell erheben sich seitlich die Wolkenkratzer von New York. Diese seitlichen Bühnenelemente werden mit einer grossen Videoleinwand in der Mitte ergänzt. Durch die präzisen Videoprojektionen, in welchen unter anderem das New Yorker Stadtbild als auch Ausschnitte des Kriegsgeschehen zu sehen sind, und den passend eingesetzten Requisiten, ist das Bühnenbild wie geschaffen für die wechselnden Szenen. Die Kostüme von Alfred Mayerhofer sind durchweg gelungen und spiegeln den Stil der 1950er Jahre wieder.

Ensemble / Foto: Andreas J. Etter

Die drei Matrosen Gabey, Chip und Ozzie werden von Daniel Prohaska, Boris Pfeiffer und Jörn-Felix Alt dargestellt. Herrlich wie die drei Herren die abenteuerliche und unterhaltsame Reise der drei Matrosen in New Yorks Strassen auf die Bühne bringen, ohne überspitzt zu agieren. Stimmlich ergänzen sich die Herren mit ihren wohlklingenden Stimmen. Mit dem nötigen Sexappeal, enormer Spielfreude und durch ihre individuellen klangschönen Stimmfarben stehen die drei Damen Julia Klotz, Sigrid Hauser und Bettina Mönch als Ivy Smith, Hildy Esterhazy und Claire de Loone den Herren in nichts. Als Pitkin W. Bridgework und Gesangslehrerin Madame Dilly gefallen Alexander Franzen und Dagmar Hellberg auf ganzer Linie.

Das Ensemble, die Tanzkompanie und das Sinfonieorchester des Theater St. überzeugen und begeistert auf ganzer Linie. Das Publikum zeigte sich in der besuchten Vorstellung begeistert und spendete mit langanhaltendem Applaus Anerkennung.

Magisch mit kleinen Abstrichen: „Wicked“ in Zürich

Magisch mit kleinen Abstrichen: „Wicked“ in Zürich

Geschichten über Freundschaft, Liebe, Verlust und Verrat gibt es in der Musical-Landschaft einige. Doch was macht eine Erzählung, die diese Themen beinhaltet, besonders? Im Fall von „Wicked“ ist es die Art der Kombination dieser Themen, gepaart mit einer wunderbaren berührenden Musik, welche die Geschichte von Elphaba, Glinda und Fiyero trägt.

Im Jahr 2003 feierte „Wicked“ im Curran Theatre in San Fransisco Premiere, ehe es dann an den Broadway ins berühmte Gershwin Theatre transferiert wurde. Mittlerweile ist es auf dem neunten Platz der am längsten gespielten Musicals am Broadway und die Vorstellungen sind nach wie vor ausverkauft. Weitere erfolgreiche Spielstätten sind London, Sydney, Tokio sowie Touren in den USA und UK. Weniger erfolgreich lief „Wicked“ in Deutschland. Dies aufgrund der Tatsache, dass der „Zauberer von Oz“ im Gegensatz zu den USA/UK eine wenig bekannte Geschichte ist. In Zürich im Theater 11 ist die aktuelle UK-Tour noch bis 31. Dezember 2017 zu sehen.

Ensemble „Wicked“ photo © Matt Crockett

Basierend auf dem 1995 erschienen Buch „The Life and Times of the Wicked Witch of the West” des amerikanischen Schriftstellers Gregory Maguire und beeinflusst von Frank Baum’s Film „The Wonderful Wizard of Oz “ aus dem Jahr 1939, zeichnen sich Stephen Schwartz für Komposition und Liedtexte sowie Winnie Holzman für das Buch verantwortlich. Regie führte Joe Mantello und die Choreographie stammt von Wayne Cilento.

Elphaba und Glinda, photo © Matt Crockett

„Wicked“ erzählt die Geschichte der beiden Hexen Glinda und Elphaba, zweier ungleicher junger Frauen, deren Interessen und Ansichten unterschiedlicher nicht sein können. Verliebt in den gleichen Mann, Fiyero, trennen sich ihre Wege nach der Schulzeit, da jede ihre eigenen Ziele verfolgt. Während Elphaba gegen die Machenschaften des Zauberers von Oz kämpft, sonnt sich Glinda im Scheinwerferlicht der Berühmtheit. Einige Jahre später begegnen sich beide wieder. Fiyero erkennt, wem der beiden Frauen sein Herz wirklich gehört und die beiden Freundinnen erkennen, wie ihre Freundschaft sie als Menschen zum Positiven verändert hat.

Das gelungene und detaillierte Bühnenbild von Eugene Lee erreicht seinen Höhepunkt bei der Emerald City Szene, bei der die ganze Bühne in eine smaragdgrüne Farbenwelt getaucht wird. Unterstützt wird das Bühnenbild von dem grossartigen Lichtdesign von Kenneth Posner. Bei der Tourproduktion ist insgesamt eine abgespeckte Bühnenbild Version zu sehen. Zuschauer, welche das Stück noch nie gesehen haben, fallen die Anpassungen nicht auf, während „Wicked“-Kenner die äusseren Bühnenelemente, wie die ausladende detailreiche Treppe, und die Brücke vermissen. Die fehlenden Bühnenelemente werden als Treppekonstruktion oder Podest eingeschobenen. Ausgeglichen werden die fehlenden Element auch durch ein angepasstes Bühnenspiel.

Glinda (Helen Woolf) photo © Matt Crockett

Die Kostüme von Susan Hilferty sind eine Augenweide. Das Besondere ist, dass die Kostüme allesamt asymmetrischen Formen und Muster haben. Ergänzt wird das Kostümbild mit den fantasievollen Perücken von Tom Watson. Der Musikalische Leiter Dave Rose führt das 15-köpfige Orchester sicher durch die komplexe Partitur des Stücks. Hörbar fehlen im Orchester die Streicher. Die auf dem Keyboard erstellten Streicherpartien hört man heraus, was den gesamten Musikeindruck etwas schmälert.

Elphaba (Amy Ross) photo © Matt Crockett

Amy Ross agiert in ihrer Rolle als ‚Elphaba’ solide mit guter Bühnenpräsenz. Während sie ihre kraftvolle Stimme bei „Defining Grafity“ noch Potential hat, zeigt sie bei „No Good Deed“ was sie kann. Helen Woolf als ‚Glinda’ hat in London die Rolle bereits als Zweitbesetzung gespielt, gelingt die Balance zwischen Ernsthaftigkeit und Komik perfekt. Ihren wohlklingenden und klaren Sopran setzt sie bei „Thank Goodness“ gekonnt ein. Bei beiden spürt man, wie viel Freude sie gemeinsam auf der Bühne haben, was vor allem in der Schlussszene zum ersten Akt bemerkbar macht. Eine wunderbare Ergänzung zu den beiden Damen ist Aaron Sidwell der den ‚Fiyero’ gibt. Mit jugendlichem Leichtsinn interpretiert er seine Rolle bei „Dancing Through Life“ und zeigt eine gelungene Entwicklung seines Charakters.

Aaron Sidwell (Fiyero) photo © Matt Crockett

Steven Pinder der als ‚Wizard of Oz’ und ‚Doctor Dillamond’ eine Doppelrolle spielt, zeigt gesanglich eine gute Leistung. Als ‚Wizard von Oz’ lässt er in seinem Schauspiel das fiese und durchtriebene des Zauberers ein wenig vermissen und wirkt fast zu lieb. Kim Ismay punktet in ihrer Interpretation als ‚Madame Morrible’. Ihr gelingt die Steigerung von der netten und fürsorglichen Schulleiterin zur machtgierigen Pressesprecherin des Zauberers auf ganzer Linie. Emily Shaw als ‚Nessarose’ und Iddon Jones als ‚Boq’ gefallen mit ihrem Schauspiel. Mit starker Stimme interpretiert Shaw den kurzen Song „The Wicked Witch of the East“.

Insgesamt kann das Ensemble von „Wicked“ im Theater 11 durchaus überzeugen, auch wenn man hier und da kleine Abstriche machen muss. Beim Schweizer Publikum scheint die Geschichte von Elphaba, Glinda und Fiyero anzukommen. Standing Ovation in der besuchten Vorstellung.

Berührend: „Anna Göldi – Das Musical“

Berührend: „Anna Göldi – Das Musical“

Geschichte macht unser Leben lebendig und lässt der Fantasie freien Lauf. So ist es nicht verwunderlich, dass geschichtliche Themen immer wieder einen Platz im Film oder Theater bekommen. Die aus dem Rheintal stammende Anna Göldi wurde im Jahre 1782 als eine der letzten Frauen der Hexerei beschuldigt und hingerichtet. Der Gerichtsprozess sorgte in der Schweiz und in Deutschland für Aufsehen. Erstmalig wurde im Zusammenhang mit dem Prozess der Begriff Justizmord geprägt, denn das Gericht in Glarus, welches Anna Göldi zum Tode durch das Schwert verurteilt hatte, war nicht zuständig. Im Jahre 2008, 235 Jahre nach ihrer Hinrichtung, wurde Anna Göldi rehabilitiert.

Blick auf den Rheinfall © Iris Steger

Direkt oberhalb des Rheinfalls in Neuhausen befindet sich das SIG Areal. Am 7. September 2017 feierte das Musical „Anna Göldi“ in der alten Industriehalle seine Uraufführung und ist dort bis zum 22. Oktober 2017 zu erleben. 

Regisseur und Autor Mirco Vogelsang erzählt die Geschichte von Anna Göldi aus zwei verschiedenen Zeitebenen. Zum einen aus der Sicht von Anna und zum anderen aus der Sicht des deutschen Journalisten Heinrich Ludewig Lehmann, der engagiert wurde, um die Ehre des in Verruf geratenen Kanton Glarus zu retten. Diese Herangehensweise verleiht dem Stück wenig dramaturgische Tiefe, sondern eher eine gelungene faktenbasierte und erzählerische Aufarbeitung der Geschehnisse. Vogelsang gelingt es die Handlung und Zeitsprünge nachvollziehbar zu gestalten, allerdings sind einzelne wichtige Charaktere nicht deutlich genug herausgearbeitet. Die grosse Bühne bietet allerhand Raum und so kommt die gelungene Choreographie von Ursula Lysser vor allem in den starken Ensembleszenen zur Geltung. Wunderbar umgesetzt war die Albtraumszene von „Miggeli“ oder die Hexenjagd.

Ensemble von Anna Göldi – Das Musical © Iris Steger

Moritz Schneider (Komposition) und Robert D. C. Emery (Komposition, Arrangement und Orchestrierung) steuern berührende und mitreissende Songs und Melodien bei, allerdings ohne einen wirklichen Ohrwurm zu hinterlassen. Der Musikalische Leiter Francis Goodhand, der mit seiner Band seitlich der Bühne untergebracht ist, dirigiert seine Musiker sicher durch das fast durchkomponierte Stück. Unglücklich ist das Sounddesign von Serge Gräfe. Während die gesprochenen Szenen einigermassen verständlich waren, wurden die Darsteller beim Singen vom Sound des Orchesters übertönt, so dass die Liedtexte im Publikum kaum zu verstehen waren.

Schattenspiel: Lena Pallmann als „Miggeli“

Die grosse Bühne, die sich über die ganze Breite der Halle erstreckt, hat Jana Denhoven (Bühnenbild) geschickt genutzt. Vordergründig sind weisse Wände dimensional versetzt. Einerseits dienen diese als Projektionsfläche und andererseits ist die Behausung der Tschudis und des Steinmüllers im Bühnenbild integriert. Dadurch lassen sich die Bühnenteile, ohne störenden Umbau, für die jeweiligen Szenen einsetzen. Die Requisiten sind einfach gehalten, so liegt der Fokus klar auf den Darstellern, als auf einem üppigen Bühnenbild. Unterstützend kommt das Videodesign von Valerij Lisac zum Einsatz, welches die verschiedenen Handlungsorte dynamisch ineinander verschmelzen lässt. Das Lichtdesign von Pia Virolainen fügte sich nahtlos in das Bühnenbild ein und unterstrich einzelne Szenen zusätzlich. Das Kostümbild von Kai Rudat an die Epoche Ende des 18. Jahrhunderts angelegt, allerdings kommen die gewählten Farben, Stoffe und asymmetrischen Schnitte eher modern daher. Das Maskenbild von Johannita Mutter gefällt durch die zurückhaltende Art.

Masha Karell als Anna Göldi © Iris Steger

Anna Göldi ist für die damalige Zeit eine gebildete Frau, die Lesen und Schreiben kann. Endlich hat sie eine gut bezahlte Arbeit als Dienstmagd im Haus des Herrn Dr. Tschudi gefunden. Sie ist glücklich und hat ein gutes Verhältnis mit „Miggeli“, der Tochter des Hauses. Bis zu jenem verhängnisvollen Tag, an dem „Miggeli“ angeblich von ihr verhext wird und Nägel spuckt. Berührend, mit klangschöner Stimme und ausdrucksstarkem Schauspiel gelingt Masha Karell als Anna Göldi eine überzeugende Darstellung der Titelrolle. In Glarus triff Anna Göldi auf ihre grosse Liebe Dr. Melchior Zwicky, mit dem sie ein gemeinsames Kind hat, welches sie allerdings nach Strassburg weggeben musste. Nachdem sie im Hause Tschudi entlassen wurde, verbringen die beiden eine unbeschwerte Zeit auf dem Bauernhof von Annas Schwester. Geplagt von seinem Gewissen, ob er die Hinrichtung nicht hätte verhindern können hadert Zwicky mit sich, als er auf den Journalisten Lehmann trifft. Paul Erkamp verleiht seiner Darstellung die nötige Tiefe und punktet mit starker Stimme. Ein berührender Moment ist das Duett „Weisst du noch“ von Karell und Erkamp.

Simon Schnorr als Dr. Johann Jakob Tschudi © Iris Steger

Dr. Johann Jakob Tschudi findet vom ersten Moment an gefallen an seiner neuen Dienstmagd Anna. Da er aus einer der reichsten und einflussreichsten Familien in Glarus stammt, kommt ihm der Vorfall mit seiner Tochter „Miggeli“ gerade recht, Anna aus dem Haus werfen zu können. Skrupellos stiftet er den Glarner Rat an, Anna Göldi wegen Hexerei und Giftmischerei zum Tode zu verurteilen, umso das Verhältnis zu ihr verschleiern zu können. Versiert im Spiel und mit klassischer Stimme gibt Simon Schnorr den Glarner Arzt, Ratsherr, Richter und Regierungsrat Dr. Tschudi. Gefangen in einer Welt, die ihr mehr Leid als Freund bringt, gibt sich Elsbeth Tschudi immer souverän. Zumindest nach aussen. Getrieben von Eiversucht und Verlustangst ist sie eine zutiefst verunsicherte Frau, die letzten Endes doch mehr mit Anna Göldi gemein hat, als man zuerst vermutet. Durch ihr nuanciertes Schauspiel gelingt es Eveline Suter die Zerrissenheit von Elsbeth Tschudi berührend hervorzuheben. Ihre charaktervolle und wohlklingende Stimme gefällt. Als „Miggeli“ stand am Premierenabend Lena Pallmann auf der Bühne, die toll gesungen und gespielt hat.

Eveline Suter als Elsbeth Tschudi © Iris Steger

Die Obrigkeit in Glarus hat nach der Hinrichtung von Anna Göldi ein Problem, denn der Begriff Justizmord schwebt wie ein Damokles’ Schwert über dem Glarner Rat. Der deutsche Journalist Heinrich Ludewig Lehmann soll den Ruf mit seiner Berichterstattung wieder reinwaschen. Doch er deckt auf, was lieber verborgen bleiben soll und wird selbst zum Gejagten. Unterstützt wird Lehmann von dem Gerichtschreiber Johann Melchior Kubli, der ihm fehlende Informationen besorgt und anschliessend zur Flucht verhilft. Raphaël Tschudi und Roland Herrmann zeigen eine gelungene Interpretation ihrer Rollen. Schade ist, dass die Wichtigkeit ihrer Arbeit, nämlich die Aufklärung der hinterhältigen Umstände, buchbedingt nicht deutlicher hervorgehoben werden. Eine wichtige Vertrauensperson im Leben der Anna Göldi ist Rudolf Steinmüller. Bei ihm findet sie zuerst Unterschlupf, ehe sie aus Glarus fliehen muss. Als „verrückter“ Alchimist Steinmüller steht Marc „Cuco“ Dietrich auf der Bühne, der seine Rolle mit Witz und Charme spielt.

Insgesamt kann das Stück, bis auf wenige Längen, auch aufgrund eines stark agierenden Ensembles, überzeugen. Was Wahrheit ist und nicht, bleibt bis zum Schluss im Verborgenen. Dem Publikum hat die erzählerische Aufarbeitung dieser unrühmlichen Schweizer Geschichte gefallen – Standing Ovation am Premierenabend.

Schwungvolle Inszenierung: Saturday Night Fever in Walenstadt

Schwungvolle Inszenierung: Saturday Night Fever in Walenstadt

„Saturday Night Fever“ basiert auf einem 1976 im New York Magazin veröffentlichen, nicht den Tatsachen entsprechenden, Artikel „Tribal Rites of the New Saturday Night“ des britischen Autoren Nik Cohen. Im Jahr 1977 wurde das Muscial Drama mit John Travolta als Tony Manero in der Hauptrolle von John Badham verfilmt. Die Rolle verhalf Travolta zum Durchbruch. Die Filmmusik stammt von den Bee Gees und zählt zu den meistverkauften Alben aller Zeiten. Songs wie „Stayin’ Alive” und „How Deep Is Your Love“ wurden zu Hits.

Der junge Italo-Amerikaner Anthony „Tony“ Manero stammt aus der Gegend Bay Ridge, Brooklyn/New York und schlägt sich mit einem schlechtbezahlten Job in einem Farbengeschäft herum. Sein älterer Bruder Frank Junior ist Priester und geniesst das Ansehen der Familie. An den Wochenenden wird er zum „King of the Dancefloor“ in der Diskothek 2001 Odyssey und kann sich seiner Leidenschaft, dem Tanzen, widmen. Seine Freunde Bobby C., Joey und Double J. sind immer an seiner Seite, genauso seine Ex-Tanzpartnerin Annette, die immer noch in Tony verliebt ist. Auf der Tanzfläche begegnet er Stephanie Mangano und verliebt sich in sie. Tony plant mit Stephanie anstatt Annette an einem Tanzwettbewerb teilzunehmen. Das ungezwungene Leben auf der Tanzfläche nimmt ein jähes Ende, also Bobby C. seinen Freunden beweisen will, dass er kein Feigling ist.

„Saturday Night Fever“ wird diesen Sommer zum ersten Mal Open Air in der Schweiz gespielt. Von einem gemütlichen und lauen Sommerabend zu schreiben, würde schlichtweg nicht der Wahrheit entsprechen, denn Petrus benötigte etwas Anlauf ehe er sich vom Tanzfieber anstecken lies. Der Beginn der Vorstellung verzögerte sich, denn ein starkes Sommergewitter zog über den Walensee. 

Bühnenbild „Saturday Night Fever“

Die Kulisse der Churfirsten, die sich entlang des Walensees seitlich in die Höhe erheben, ist eindrücklich und wird umrahmt auf einen wunderbaren Blick auf den See. Während bei der „Titanic“-Produktion 2015 der Blick auf diese Naturkulisse verdeckt war, schafft das Bühnenbild von Christoph Weyers einen Einklang zwischen Natur und Bühne. Die Kulisse von Brooklyn bilden aufeinander gesetzte Schiffscontainer. Trotz dieser Stahlkolosse hat die Bühne eine gewisse Leichtigkeit. Die Innenausstattung der Container, sei es die Küche der Familie Manero, die Disko 2001 Odyssey oder Fusco’s Farbengeschäft, sind mit viel Liebe zum Detail und entsprechend dem Zeitalter der Geschichte gestaltet. Auch die berühmte Brooklyn-Bridge hat ihren Platz im Bühnenbild erhalten. Andrea Kučerová schöpft bei den Kostümen die Bandbreite der 70er Jahre voll aus und spielt mit den Farben und Mustern. Passend zu den Kostümen präsentiert sich das Maskenbild von Sandra Wartenberg.

Regisseur Stanislav Moša gelingt, trotz der Bühnendimension, eine perfekt in Szene gesetzte Aufführung. Die Handlungsübergänge gestalten sich flüssig und die Charaktere sind durch die klare Personenführung scharf gezeichnet. So ist Tonys Traum der Kleinbürgerlichkeit seines Elternhauses zu entfliehen genauso ersichtlich wie die Zerrissenheit von Bobby C., der vor grossen Problemen steht, da seine Freundin schwanger ist. Die rasante und lebendige Choreografie von Igor Barberic ergänzt sich wunderbar mit der Handlung und sorgt für Abwechslung. Vor allem die Tanzszenen des gesamten Ensembles sind absolute Hingucker. Trotz dieser gelungenen Inszenierung lassen sich die Schwächen des Buches von Robert Stigwood, Bill Oakes und Ryan McBryde nicht vollständig eliminieren. Zu langatmig sind die immer wiederkehrenden Dialoge im Elternhaus oder die der Freunde, welche die Handlung nur bedingt vorantreiben.

Die Band rund um den Musikalischen Leiter Gaudens Bieri bringt den Disco-Sound der Bee Gees schmissig zu Gehör. Das Tondesign von Andreas Brüll ist passend zwischen Darsteller und Band abgemischt.

Das Leben im katholischen Elternhaus geht Tony Manero auf die Nerven und so flieht er, wann immer möglich, aus dieser Kleinbürgerlichkeit und widmet sich dem Tanzen. Hier bekommt er die Anerkennung, die im von seiner Familie verwehrt bleibt. Filippo Strocci macht seine Sache als Tony Manero hervorragend. Berührend ist seine Interpretation des Songs „Immortality“. Überglücklich mit ihrem Leben in Manhattan scheint Stephanie Mangano, oder doch nicht? Als Tony sie beim Tanzen sieht, verliebt er sich in die gutaussehende junge Frau. Nathalie Parsa zeigt auf eine wunderbare Weise die vermeintlich glückliche Frau und punktet bei dem Song „What a kind of fool“ mit ihrem warmen Timbre.

Annette (Angelika Erlacher) & The Faces

Tony’s Freunde Bobby C., Joey und Double J. hängen am liebsten zusammen rum. Die Schwangerschaft seiner Freundin ändert für Bobby C. jedoch einiges. Hilfesuchend wendet er sich an die Jungs, findet allerdings kein Gehör für seine Probleme. Patric Scott zeigt die Zerrissenheit seines Charakters auf eindrückliche Weise und sorgt mit seiner Auslegung des Songs „Tragedy“ für einen Höhepunkt in der Show. Jan Grossfeld als Joey und Julian Schier als Double J. agieren Rollengerecht. Annette ist die ehemalige Tanzpartnerin von Tony und immer noch in ihn verliebt. Gänzlich gleichgültig ist sie ihm nicht, denn er nimmt sie immer wieder in Schutz. Angelika Erlacher gefällt durch ihre Rolleninterpretation.

Ensemble „Saturday Night Fever“

Als Clubsängerin Gloria und als Monty begeistern Elisa Filace und Gianluca Sticotti mit den Songs „Disco Inferno“ und „Nights on Broadway“ durch ihre wohlklingenden Stimmen. Tony’s Eltern werden an diesem Abend von dem Schweizer Komiker Claudio Zuccolini und der Fernsehmoderatorin Monika Fasnacht dargestellt. Herrlich, wie beide die streng katholischen und kleinbürgerlichen Eltern mimen.

Am Premierenabend zeigte ein grossartig agierendes und spielfreudiges Ensemble, trotz des zu Beginns strömenden Gewitterregens, eine hervorragende Leistung. „Saturday Night Fever“ in Walenstadt ist ein Inferno an groovigen Hits und eine sehenswerte Inszenierung. Das Publikum spendete minutenlang Standing Ovation. Bis 26. August 2017 ist die Open Air Version des Disco-Klassikers auf der Walensee-Bühne zu sehen.

Fotogalerie „Saturday Night Fever“ Walenstadt

Überzeugende Stimmen: „Evita“ auf Tour

Überzeugende Stimmen: „Evita“ auf Tour

María Eva Duarte de Perón war gerade mal 33 Jahre alt, als sie am 26. Juli 1952 ihrem Krebsleiden erlag. Bis heute ist sie für viele Argentinier eine Ikone, da sie eine der grössten Wohltäterinnen ihres Landes war. Als erste Frau nahm sie grossen Einfluss in der damaligen politischen Landschaft Argentiniens, ohne die Rolle ihres Mannes Juan Perón als Präsident zu beeinträchtigen. Die Geschichte von Eva Perón inspirierte Andrew Lloyd Webber und Tim Rice im Jahr 1974 sich dem Stoff anzunehmen. Im Juni 1978 feierte das Musical im Prince Edward Theatre in London seine Uraufführung. Vom 25.- 30. April 2017 gastiert die englischsprachige Tour im Theater 11 in Zürich und vom 11.-16. Juli 2017 im Musicaltheater Basel.

Ensemble Foto: Pamela Raith

Das Ziel der jungen Eva Duarte ist Buenos Aires, denn das kleine Dorf Junín, in dem sie lebt, ist ihr nicht gut genug. Sie träumt davon in der grossen Stadt eine berühmte Schauspielerin zu werden. Diverse Männerbekanntschaften helfen ihr dieses Ziel zu erreichen. Auf einer Benefizveranstaltung für Erdbebenopfer trifft sie auf den ehrgeizig politisch engagierten Juan Perón. Emma Hatton, zuletzt als Elphaba in „Wicked“ in London zu sehen, begeistert mit ihrer starken Bühnenpräsenz und ihrer facettenreichen Stimme. Als Erzähler bringt Che, angelehnt an den argentinischen Revolutionsführer, den Zuschauern die Geschichte von Eva Duarte aus einer kritischen Sicht näher. Gian Marco Schiaretti, unter anderem als Tarzan in Hamburg und Stuttgart zu erleben, verkörpert die Rolle mit dem nötigen Feingefühl, überzeugendem Spiel und punktet mit ausdrucksstarker Stimme. Juan Perón ist ein aufstrebender Militärkommandant, der Stück für Stück politisch an Einfluss gewinnt. Dank seiner charismatischen Frau gelingt ihm bei der Präsidentenwahl der Durchbruch. Kevin Stephen-Jones, bei der „Cats“-Tournee 2016 als Old Deuteronomy zu sehen, verleiht seiner Darstellung als Juan Perón die nötige Intensität und Glaubhaftigkeit. Dank der erzwungenen Unterstützung des Sängers Magaldi kommt Eva ihrem Weg nach Buenos Aires näher – er ist für sie das Mittel zum Zweck. Oscar Balmaseda interpretiert seine Figur Rollengerecht und mit schöner Stimmfarbe.

Emma Hatton als Evita Foto: Pamela Raith

Für Tim Rice (Texte) und Andrew Lloyd Webber (Musik) war es nach „Jesus Christ Superstar“ das zweite Stück, dass sie gemeinsam auf die Bühne gebracht haben. Gespickt mit mitreissenden und eingängigen Melodien wie den Welterfolg „Don’t Cry For Me Argentina“ oder „High Flying Adored“ feiert „Evita“ seit Jahrzehnten Erfolge. Regisseur Bob Tomson verbindet politische Themen mit der Lebensgeschichte einer aussergewöhnlichen Frau auf eine berührende und spannende Weise. Seine Personenregie ist detailliert, so dass gerade die Hauptfiguren eine eindrückliche Präsenz aufweisen. Die Choreografie von Bill Deamer ist ausgereift und fügt sich nahtlos in die Regiearbeit von Tomson ein. Das Bühnenbild von Matthew Wright stellt eine Art grosse Halle da, welche je nach Szene mühelos angepasst wird. Treppenaufgänge die miteinander verbunden werden, Säulen und diverse detailliert ausgearbeitete Requisiten ergänzen die Szenerie perfekt. Zusammen mit dem gelungenen Lichtdesign von Mark Howett und Wrights Kostümen im Stil der 30er-40er Jahre, entsteht ein stimmiger Gesamteindruck. Das Orchester unter der Leitung von Will Joy bringt die musikalisch verschieden Facetten des Stück, von Rock Pop bis zu südamerikanische Rhythmen, wunderbar zu Gehör.

Ensemble Foto: Pamela Raith

Ein geschichtliches Thema in einem Musical zu verarbeiten ist anspruchsvoll. Rice und Webber ist das mit „Evita“ wunderbar gelungen. Mit hoher Qualität und Spielfreunde zeigte das ganze Ensemble eine durchweg überzeugende Leistung. Das Publikum im Theater 11 spendete minutenlang Applaus.

Gelungene Neuinszenierung: Tanz der Vampire in St. Gallen

Gelungene Neuinszenierung: Tanz der Vampire in St. Gallen

Als Roman Polanskis „Tanz der Vampire“ im Jahr 1997 Uraufführung am Raimundtheater Wien feierte, hat wohl niemand geahnt, dass dieses Musical seine Besucher gleichermassen fasziniert und spaltet. Seitdem wurde das Musical bereits in vielen europäischen Ländern sowie in Japan und Amerika aufgeführt. Das Theater St. Gallen wagte sich nun an eine Neuinszenierung und verleiht dem Stück einen modernen Touch.

Alfred ist der ängstliche Student von Professor Abronsius. Gemeinsam befinden sie sich auf Forschungsreise im winterlichen Transsilvanien, bei welcher Abronsius seine Theorien über Vampire beweisen will. Völlig festgefroren findet Alfred den Professor und trägt ihn zum einem nahegelegen Sanatorium. Hier stossen die beiden auf einen ersten Hinweis auf Vampire – Knoblauch.

Basierend auf dem gleichnamigen Film von Polanski stammt das Buch des Musicals aus der Feder von Michael Kunze und die Musik von Jim Steinman. Bei der Musik bedient sich Steinman einiger seiner Songs. Der bekannteste ist hier „Total Eclipse of the Heart“, 1983 von Bonnie Tyler interpretiert, welcher im Stück „Totale Finsternis“ heisst. Der Musikalische Leiter Robert Paul dirigiert die Tanz der Vampire Band schwungvoll durch Steinmans eingängige rockig poppige Melodien (Orchestrierung: Michael Reed), die ausgezeichnet zu dem Stück passen.

Ensemble Foto: Andreas J. Etter

Ulrich Wiggers Inszenierung haucht dem Stück neues Leben ein. Ihm ist es gelungen die Handlung in das heute zu transferieren, ohne das gestern zu vergessen. Während Texte und Musik geblieben sind, weilen die Vampire nicht mehr nur unter sich, sondern befinden sich mitten unter den Menschen – Tageslicht stellt für sie kein Problem mehr da. Wiggers versteht es auf wunderbare Weise Spannung, Kitsch und Grusel zu einer romantisch schaurigen Komödie zu vermischen. Das dies so reibungslos gelingt ist auch der temporeichen Choreographie von Jonathan Huor und des bemerkenswert agierenden Tanzensembles zu verdanken.

Hans Kudlich hat eine Bühne geschaffen, die vielschichtig bespielt werden kann. Im Sanatorium befinden sich das Gästezimmer des Professors, das Badezimmer und Sarahs Zimmer in einem rechteckigen hochfahrenden Kasten. Zwischen zwei in die Tiefe führende Treppen kann zwischen den Räumlichkeiten gewechselt werden. Seitlich der Bühne werden die beiden hohen Plattformen als Nebenschauplatz ebenfalls sinnvoll ins Geschehen mit einbezogen. Ins rechte Licht werden Bühne, Szenen sowie Darsteller von Michael Grundner gerückt, welches den Gruselfaktor wirkungsvoll unterstreicht. Den modernen Touch dieser Neuinszenierung unterstreicht Franz Blumauer zusätzlich mit seinen Kostümen. Statt barocken Puffhemden und modrigen Ballkleidern unterstreichen Jeans, Mützen, Lack, Leder und Samt die Modernität des Stücks.

Mercedesz Csampai (Sarah), Thomas Borchert (Graf von Krolock) Foto: Andreas J. Etter

Graf von Krolock hat vom ewigen Leben genug und leidet unter seiner sich nie stillenden Gier nach Blut. Thomas Borchert, der die Rolle bereits mehrfach verkörpert hat, verleiht seinem Grafen ein melancholisch dämonisches Spiel. Ausdrucksstark unterstreicht er seine Darstellung mit den wechselnden Facetten seiner Stimme. Die ideale Ergänzung ist Mercedesz Csampai als Sarah, die aus ihrem Leben ebenso ausbrechen will wie Krolock. Csampai hat eine starke Bühnenpräsenz, punktet mit ihrer hellen strahlenden Stimme. Der schüchterne und über beide Ohren in Sarah verliebte Assistent von Professor Abronsius Alfred wird überzeugend von Tobias Bieri dargestellt. Herrlich amüsant gestalteten sich die Situationen als Alfred auf Herbert, den homosexuellen Sohn des Grafen, trifft. Christian Funk verleiht seiner Figur Herbert die passende Balance, ohne die homosexuellen Züge übertrieben auf die Spitze zu treiben.

Ensemble Foto: Andreas J. Etter

Als skurril komische Figur agiert Sebastian Brandmeir als Professor Abronsius, der mit atemberaubender Geschwindigkeit die Existenz diverser Philosophen und deren Bücher lobt. Chagal (Jerzy Jeszke) kann, sehr zum Missfallen seiner Frau Rebecca (Anja Wessel), nicht die Finger von Magda (Sanne Mieloo) lassen – diese findet die Belästigungen mehr als nervig. Als Vampire können die beiden nicht die Finger voneinander lassen, sehr zum Missfallen von Koukol (Thomas Huber), dem Diener Krolocks. Das Vierer-Gespann sorgt während des Stücks für jede Menge Situationskomik und verbucht den einen oder anderen unterhaltsamen Moment für sich.

Welche Version von „Tanz der Vampire“ einem mehr zusagt, liegt im Auge des Betrachters. Diese Version ist absolut gelungen und rundherum auf den Punkt gebracht. Quittiert wird das Ganze mit frenetisch langanhaltendem Applaus und Standing Ovation des Premierenpublikums.

Unterhaltung pur: Mary Poppins in Zürich

Unterhaltung pur: Mary Poppins in Zürich

Das von Disney und Cameron Mackintosh produzierte Musical erzählt die Geschichte des wohl beliebtesten Kindermädchens Mary Poppins, welches die Welt von Familie Banks auf den Kopf stellt. Mister Banks hat klare Vorstellungen bei der Erziehung seiner Kinder Jane und Michael.  Während Mrs. Banks ihrem Mann einmal mehr erklären muss, dass das nächste Kindermädchen reissaus genommen hat, haben die beiden Kinder eine genaue Vorstellung von ihrem zukünftigen Kindermädchen. Mister Banks besteht auf eine strenge und disziplinierte Erziehung, während die Kinder jemanden suchen mit Verständnis, zum Spielen haben und Interesse hat Zeit mit ihnen zu verbringen. Mister Banks findet die Vorstellungen seiner Kinder Unsinn, zerreisst die Stellenanzeige der beiden und entsorgt diesen Postwendend im Kamin. Kurz drauf tritt eine geheimnisvolle, junge Frau Namens Mary Poppins in das Leben der Banks.

Im Jahr 2004 feierte das Stück seine Premiere am Londoner West End und 2006 folgte die Premiere am Broadway. Anschliessende Tourstationen waren Australien, Neuseeland, USA und Grossbritannien. Die englischsprachige Tourversion macht zum ersten Mal in der Schweiz halt und ist vom 05. Februar 2017 bis 19. März 2017 im Theater 11 in Zürich zu sehen.

©Johan Persson

Basierend auf der Kinderbuchreihe von P. L. Travers sowie dem gleichnamigen Film aus dem Jahr 1964, mit Julie Andrews und Dick Van Dyke in den Hauptrollen, enthält die Bühnenversion Elemente aus den Kinderbüchern und dem Film. Das Buch schrieb Julian Fellows und die Melodien und Liedtexte stammen von Richard M. Sherman und Robert B. Sherman. Zusätzliche Liedtexte und Songs steuerten Georg Stiles und Anthony Drewe bei. Songs wie „Supercalifragilisticexpialidociuos“, „Fed The Birds“ und „Step in Time“ sind wahrhaftige Ohrwürmer. James Powell, der die Regie der Tourproduktion verantwortet, setzt die Original-Inszenierung von Richard Eyre gekonnt in Szene. Auffallend ist die klare und detailliert geführte Personenregie. Nach dem Motto darf es ein bisschen mehr sein, wirken die Charaktere in manchen Szenen recht ausladend, was aber den Unterhaltungswert des Stücks in Kombination mit den komödiantischen Elementen steigert. Die unterhaltsame und mitreissende Choreografie von Geoffrey Garratt sorgt für Begeisterung.

Das Kostüm- und Bühnenbilddesign von Bob Crowley ist mit viel Liebe zum Detail gestaltet, welches den einen oder anderen Überraschungsmoment bereithält. Die Kostüme sind passend zu den einzelnen Charakteren und verleihen diesen nie nötige Authentizität. Die Szenerien werden wunderbar durch das perfekt abgestimmte Lichtdesign von Natasha Katz ergänzt. Das 13-köpfige Orchester unter der Leitung von Steve Moss bringt die Songs schwungvoll zu Gehör, vermag aber auch bei den leisen Tönen zu überzeugen.

©Johan Persson

Eine junge, auf den ersten Blick, unscheinbare Frau soll die beiden Kindern Jane und Michael Anstand und Manieren beibringen. Dazu setzt sie auf ganz besondere Tricks, welche die Kinder am Anfang nicht so recht goutieren, erzielen aber eine nachhaltige Wirkung. Als Mary Poppins begeistert Lisa O’Hare mit ihrer klaren Stimme und ihrer ausdrucksstarken Bühnenpräsenz. Bert führt das Publikum mit Witz und Charme durch die Geschehnisse in der Cherry Tree Lane und unterstützt Mary Poppins wo immer nötig. Matt Lee verleiht seinem Bert eine liebenswürdige Art und punktet mit wohlklingender Stimme. Die akrobatische Begehung der Bühnenumrandung bei „Step in Time“, inklusive der Steppeinlage kopfüber, hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Während Mr. Banks getrieben von seinem Leistungsdruck in der Bank ist und fast nie Zeit für seine Kinder hat, möchte Mrs. Banks die Erziehung der beiden am liebsten selbst in die Hand nehmen. Neil Roberts und Kara Lane gefallen durch ihre erfrischend sympathische Darstellung als George und Winifred Banks. Jane und Michael haben es faustdick hinter den Ohren – Erziehung Fehlanzeige, bis Mary Poppins in ihr Leben tritt. Aufgrund ihrer grossen Spielfreude gelingt es Isabella Billingham und Louis Parker das Publikum rasch für sich zu gewinnen.

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Wendy Ferguson und Blair Anderson haben als zeternde Haushälterin Mrs. Brill und trottliger Hausdiener Robertson Ay die Lacher des Publikums auf ihrer Seite. Ihre komödiantischen Einlagen wirken zu keiner Zeit aufgesetzt. Vorrübergehend verlässt Mary Poppins das Haus der Banks. Winifred möchte ihren Mann überraschen und treibt als Ersatz Mrs. Andrews auf – Georges ehemaliges furchteinflössendes Kindermädchen. Mit starker Stimme von Penelope Woodman gespielt. Als Bird Woman gefällt Grainne Renihan durch ihr feinfühliges Spiel und die berührende Interpretation des Songs „Feed the Birds“.

Die englischsprachige Tourproduktion von Mary Poppins ist Unterhaltung für Gross und Klein. An der besuchten Vorstellung waren strahlende Kinderaugen und Standing Ovation der Lohn des Publikums für die spürbare Spielfreude und die überzeugende Vorstellung des Ensembles.

Rundum gelungene Inszenierung: „Cabaret“ im Bernhard-Theater

Rundum gelungene Inszenierung: „Cabaret“ im Bernhard-Theater

„Und da war ein Cabaret mit einem Conférencier – und da war eine Stadt, die Berlin heisst, in einem Lande, dass Deutschland heisst…und das war das Ende der Welt…“. Berlin zu Beginn der 1930er Jahre – der junge Schriftsteller Cliff Bradshaw reist nach Berlin, um hier die Inspiration zum Romane schreiben zu finden. Im Zugabteil begegnet er Ernst Ludwig. Durch ihn findet er eine Unterkunft in Fräulein Schneiders Pension und macht Bekanntschaft mit Sally Bowles, die im bekannten Kit-Kat Club arbeitet. Nicht nur die beiden werden ein Paar, sondern auch Fräulein Schneider und Herr Schultz, der ebenfalls in der Pension wohnt. Auf der Verlobungsfeier überschlagen sich die Ereignisse. Ernst Ludwig ist bekennender Nationalsozialist und Fräulein Schneider kann sich der vergifteten Atmosphäre nicht entziehen und löst die Verlobung. Als Sally, die weiterhin von der grossen Karriere träumt, das gemeinsame Kind mit Cliff abtreibt, hält diesen nichts mehr in Berlin.

Das Stück feierte vor 50 Jahren am 20. November 1966 Premiere am Broadway in New York. Im Jahr 1972 erfolgte die mit acht Oscars ausgezeichnete Verfilmung mit Liza Minelli in der Rolle der Sally Bowles. Seit dem 20. November 2016 ist das Stück am Bernhard-Theater in Zürich zu sehen. „Cabaret“ basiert auf dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood. Das Buch von Joe Masteroff zeichnet eine Geschichte, die an Aktualität nichts verloren hat. Es geht um Vertrauen, Verrat, Freundschaft und Ängste. Die Musik von John Kander, mit den Gesangstexten von Fred Ebb, ist inspiriert vom frühen Jazz, Ragtime sowie Revueeinlagen im Kit Kat Club.

Regisseur Dominik Flaschka gelingt eine rundherum gelungene Inszenierung. Als Zuschauer erlebt man eine Reise durch die Gefühlswelt – Freude, Entsetzen, Lachen und Traurigkeit. Die lebendige Choreographie von Jonathan Huor kommt vor allem in den Szenen des Kit Kat Clubs zum Tragen. Ob in der Pension von Fräulein Schneider, im Zimmer von Cliff, im Obstgeschäft von Herr Schultz oder im Kit Kat Club besticht das Bühnenbild von Simone Baumberger durch Detailverliebtheit und Authentizität. Wunderbar ergänzt von den zeitgemässen Kostümen der 1920er Jahre von Kathrin Baumberger. Hans Ueli Schlaepfer und seine Band zelebrieren die Musik von Kander mit Hingabe.

Michael von der Heide lebt seine Rolle des Conférenciers mit Hingabe. Mal als sexy Verführer, als unterhaltsamer Erzähler oder als undurchsichtiger Gastgeber – einfach grossartig wie es ihm gelingt die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen. Zwischen Karriere als Sängerin, Geliebte und werdende Mutter ist Sally Bowles hin und her gerissen. Am Ende trifft sie eine Entscheidung für sich und gegen das gemeinsame Leben mit Cliff. Fabienne Louves punktet mit überzeugender Bühnenpräsenz und interpretiert Songs wie „Maybe This Time“ und „Cabaret“ mit starker wohlklingender Stimme. Cliff freut sich auf die gemeinsame Zukunft mit Sally und dem gemeinsamen Kind. Als diese den Traum zerstört, hält ihn nichts mehr in Berlin. Kenneth Huber besticht mit einer intensiven Darstellung als Cliff Bradshaw. Liebe geht manchmal seltsame Wege. Dies stellen auch Fräulein Schneider und Herr Schultz fest. Und doch kommt manchmal alles anders als man denkt. Sabine Martin und Helmut Vogel zeigen eine berührende und zugleich amüsante Darstellung ihrer Charaktere. 

Glaubhaft gibt Eric Hättenschwiler den Ernst Ludwig, der zuerst Reisebekanntschaft ist und dann ein guter Freund von Cliff wird. Allerdings zerstört die Zugehörigkeit zu den Nationalsozialisten von Ernst diese Freundschaft zu Cliff. Gekonnt komödiantisch und erfrischend zeigt Sabina Deutsch als Fräulein Kost, wie man erfolgreich alle männlichen „Verwandten“ in seinem Pensionszimmer Willkommen heisst. Die Kit Kat Ladies Lulu, Helga, Frenchie und Mausi werden von Momo Fabienne Tanner, Dijana Vidovic, Sarah Madeleine Kappeler und Amaya Keller gespielt. Die Kit Kat Boys werden von Tino Andrea Honegger, Gregor Altenburger, Fabio Romano und Gianmarco Rostetter dargestellt.

Am Ende benötigt man einen Moment, um die Geschichte des Musicals, welche nicht nur spassig und unterhaltsam ist, sondern auch nachdenklich und beklemmend ist, sacken zu lassen. Aber genau diese Balance der verschiedenen Gefühle sind in dieser Inszenierung überzeugend gelungen. Das Publikum im Bernhard-Theater spendete bei der besuchten Vorstellung begeisterten Beifall.

Überzeugende Inszenierung: „Chicago“ – Tour englischsprachige Original Produktion

Überzeugende Inszenierung: „Chicago“ – Tour englischsprachige Original Produktion

Seit dem Jahr 1975 ist „Chicago“ von Bob Fosse (Buch), John Kander und Fred Ebb (Musik, Buch, Songtexte) auf den Bühnen der Welt zu sehen. Die englischsprachige Original Produktion ist vom 09.-20. November 2016 zu Gast am Theater 11 in Zürich. An Aktualität hat das Vaudeville-Musical nichts eingebüsst – Korruption, Mord, Verrat, Lüge und Habgier sind die Aspekte, die in diesem Stück vereint sind. Berühmt und in allen Gazetten Allgegenwärtig ist Velma Kelly bis Roxie Hart auftaucht und Velma den Platz im Rampenlicht streitig macht – Handlungsort ist ein Frauengefängnis im Chicago der 1920er Jahre. Während Hart ihren Liebhaber umgebracht hat, rächte sich Kelly für einen Seitensprung an ihrem Mann und ihrer Schwester.


Foto: © Catherine Ashmore
Foto: © Catherine Ashmore

Regisseur Walter Bobbie lässt Bühnenbild, Band und Story ineinander verschmelzen und zeigt „Chicago“ als perfekt inszenierte Symbiose. Hinzu kommt die energiegeladene Original-Choreographie von Bob Fosse. Das Bühnenbild ist ein Treppenförmiger Aufbau, welcher die komplette Breite der Bühne einnimmt. Die einzelnen Szenen des Stücks spielen vor und auf diesem Aufbau. Das gelungene Lichtdesign unterstützt einzelne Szenen und verleiht diesen noch mehr Wirkung. Die Kostüme sind freizügig, sexy und passend zum Stück, lassen allerdings die 1920er Jahre vermissen. Die 10-köpfige Band um Musical Director Ben Atkinson lässt wohlklingenden Jazz-Sound ertönen. Sie findet ihrem Platz auf den verschiedenen Stufen des Aufbaus und wird zeitweise in die Inszenierung integriert.

Eine überzeugende Leistung zeigt Hayley Tamaddon als Roxie Hart. Ihre dunkel legierte und klare Stimme gefällt auf ganzer Linie. Roxie steht nur einem Menschen nahe, nämlich sich selbst – um im Mittelpunkt zu stehen, greift sie auch zu unlauteren Mitteln wie eine vorgetäuschte Schwangerschaft. Als Velma Kelly punktet Sophie Carmen-Jones mit starker Bühnenpräsenz und wunderbar jazziger Stimme – ihr „All That Jazz“ beeindruckt. Dass Velma ihre Popularität wegen Roxie einbüsst, schmeckt ihr gar nicht und so verbündet sie sich wohl oder übel mit ihrer Konkurrentin. Ihre Mädchen bedeuten Matron „Mama“ Morton alles, sofern diese genügend Geld für ihre „Wünsche“ zahlen – Jessie Wallace starke und wohlklingende Stimme hinterlässt einen bleibenden Eindruck.

Foto: © Catherine Ashmore
Foto: © Catherine Ashmore

Der findige Anwalt Billy Flynn wird von John Partridge auf charismatische Weise verkörpert. Mitleid hat man mit Amos – dem treudoofen Ehemann von Roxie Hart. Neil Ditt versteht es, Amos ins entsprechende Licht zu rücken. Sein Song „Mister Cellophane“ berührt. Als sensible Klatschreporterin Mary Sunshine begeistert A D Richardson mit klassischer Stimmführung und seinem Falsett-Gesang beim Song „A Little Bit of Good“.

Das Ensemble bietet eine durchweg überzeugende Leistung während des ganzen Stücks – besonders hervorzuheben sind der „Cell Block Tango“ oder das temporeiche „We Both Reached For the Gun“. Das Publikum würdigte die sehenswerte Inszenierung mit Standing Ovation.

Gelungene Komödienpremiere in Thun: „Sugar – Manche Mögen’s Heiss“

Gelungene Komödienpremiere in Thun: „Sugar – Manche Mögen’s Heiss“

Was tun, wenn man während eines banalen Botenganges mitten in Chicago Zeugen eines Mafia Bandenkrieges wird? Beine in die Hand und um sein Leben rennen? Joe und Jerry, zwei mittellose Musiker, entschliessen sich genau das zu tun. Nichts wie weg aus Chicago, aber wie ohne Geld? So kommt es ihnen ganz gelegen, dass die Mädchenband „Society Sopranos“, um Bandchefin Sweet Sue, auf der Suche nach zwei Musikern für die bevorstehende Reise nach Miami ist. Eigentlich wären Joe und Jerry prädestiniert für den Job, allerdings bekommen sie als Männer von Band-Manager Bienstock einen Korb, da ausschliesslich weibliche Mitglieder gewünscht sind. Vor der Abfahrt des Zuges schafft es Sugar Kane, der Star der „Society Sopranos“, gerade noch rechtzeitig zum Bahnhof und mit ihr die beiden neuen Musikerinnen Josephine und Daphne. Es dauert nicht lange bis Mafia-Boss Spats Palazzo und seine Männer den beiden auf die Spur kommen und sie im Grand Shell Hotel in Miami aufspüren. Zu allem verliebt sich Joe alias Josephine in Sugar Kane und Jerry alias Daphne verdreht dem rüstigen Millionär Sir Osgood Fielding III den Kopf. Das Chaos in Florida ist vorprogrammiert.

„Some like it hot“ von Billy Wilder und I.A.L. Diamond, basierend auf einer Story von Robert Thoeren, wurde 1959 mit Marilyn Monroe als Sugar, Tony Curtis als Joe und Jack Lemmon als Jerry verfilmt. Die an sich unglaubwürdige Geschichte spielt im tristen Chicago der 1920er Jahre. Der Schlusssatz des Films „Well, nobody’s perfect“ wurde legendär und hat sich als Redensart auch im Deutschsprachigen Raum etabliert. Während die Filmvorlage zur besten amerikanischen Komödie aller Zeiten gekürt wurde, scheiterte der erste Versuch den Stoff als Musical zu adaptieren an der Machart der Filmkomödie. Im Jahr 1972 feierte „Sugar“ im Majestic Theatre am Broadway seine Uraufführung und erst 1992 folgte die Premiere am Westend in London. Das Buch zum Musical stammt von Peter Stone, Bob Merrill lieferte die Gesangstexte und die Musik stammt aus der Feder von Jule Styne.

Ensemble und Marie-Ankes Lump als Sugar Kane|Foto: Iris Steger
Ensemble und Marie-Ankes Lump als Sugar Kane | Foto: Iris Steger

Einmal mehr bietet Thun mit dem See sowie Eiger, Mönch und Jungfrau eine wunderbare Kulisse für ein Musicalerlebnis im Sommer. Das Bühnenbild von Marlen von Heydenaber zeigt eine nach innen geöffnete Muschel mit einer grossen Showtreppe in der Bühnenmitte. Die seitlichen Kulissen sind mal Zugabteil, Hotelzimmer, Bar oder Garage. Heydenaber gelingt es mit Liebe zum Detail die Unterschiede zwischen dem tristen Chicago und dem farbenfrohen Miami herauszuarbeiten. Als minim störend erweiset sich allerdings das kahle Gerüstgestänge, mit welchem die Muschel gehalten wird, auch wenn dieses zeitweise als Spielfläche genutzt wird. Die Kostüme von Mareike Delaquis Porschka spiegeln die Epoche der 1920er Jahre wieder. Ihr gelingt eine klare Trennung zwischen der Tristesse der Bürger von Chicago, den Mafia Gangstern und dem farbenfrohen Leben in Miami. Ein Hingucker sind die Kostüme der Showgirls. Die unterschiedlichen Handlungsorte werden durch das Lichtdesign von Carsten Bosch zusätzlich hervorgehoben und bilden so eine Symbiose zwischen Bühnenbild, Darstellern und Licht.

Ensemble und Marie-Anjas Lumpp als Sugar Kane | Foto: Iris Steger
Ensemble und Marie-Anjas Lumpp als Sugar Kane | Foto: Iris Steger

Der Film ist eine temporeiche Parodie auf die düstere Zeit der Gangster und Ganoven der 1920er Jahre, die mit zahlreichen komödiantischen Szenen, sexistischen Anspielungen der Geschlechter und Slapstick Einlagen gespickt ist. Und genau hier liegt die Herausforderung der Musical Adaption, die ruhiger daherkommt als die Filmvorlage. Für die Regie in Thun zeigt sich Werner Bauer verantwortlich, der sich stark an die Filmvorlage hält. Allerdings schafft er eine eigenständige Erzählweise, vor allem dann, wenn die sehenswerte Choreographie von Christopher Tölle mit ins Spiel kommt. So sind die Shownummern auf der grossen Treppe und den Etagen der grossen Muschel ein Hingucker. Das Orchester unter der versierten Leitung von Ivan Wassilevski bringt die jazzigen Songs der Roaring Twenties schmissig zu Gehör. Das Tondesign von Thomas Strebel macht einfach nur Spass und gibt Orchester und Darstellern genügend Raum zur Entfaltung.

Franz Frickel als Daphne, Maximilian Mann als Josephine und Marie-Anjas Lumpp als Sugar Kane | Foto: Iris Steger
Franz Frickel als Daphne, Maximilian Mann als Josephine und Marie-Anjas Lumpp als Sugar Kane | Foto: Iris Steger

In die Fussstapfen von Marilyn Monroe, Jack Lemmon und Tony Curtis zu treten ist sicher eine Herausforderung, zumal dieses Trio den Film massgeblich geprägt hat. Nichtsdestotrotz gelingt es den drei Hauptprotagonisten eine eigene Interpretation der Rollen. Marie-Anjes Lumpp spielt Sugar Kane mit der nötigen Naivität ohne das Sexappeal der Rolle ausser Acht zu lassen. Ihre Interpretation des Songs „I wanna be loved by you“ überzeugt, intoniert sie diesen mit ihrer starken und klaren Stimme. Das wichtigste bei einer Komödie ist ein gutes Timing für die komödiantischen Einlagen. Dies gelingt Franz Frickel als Jerry/Daphne und Maximilian Mann als Joe/Josephine auf ganzer Linie. Hervorragend ergänzt wird das Trio von einem glänzend aufspielenden Walter Andreas Müller „WAM“ als rüstigen Millionär Sir Osgood Fielding III.

Während Spaz Palazzo seine Ganoven zuerst durch Chicago und dann durchs Grand Shell in Miami hetzt, finden auch Bandchefin Sweet Sue und Band-Manager Bienstock in dem ganzen Tohuwabohu zueinander. Sven Olaf Denkinger als Spaz Palazzo, Lada Wongpeng als Sweet Sue und Tilmann von Bloomberg als Bienstock zeigen eine gelungene Darstellung und interpretieren ihre Figuren Rollengerecht. Das ganze Ensemble, inklusive des Chor der Thuner Seespiele, sprüht vor Spielfreude und sorgt dadurch für einen unterhaltsamen Abend – das Publikum spendete begeisterten Applaus.

Fotogalerie zu „Sugar – Manche Mögen’s Heiss“ in Thun 2016