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Schlagwort: Freilichtspiele Tecklenburg

„Marie Antoinette“ – Freilichtbühne Tecklenburg

„Marie Antoinette“ – Freilichtbühne Tecklenburg

Nach „Hairspray“ nun „Marie Antoinette“ – zwei Stücke wie sie unterschiedlicher nicht sein können. Marie Antoinette, die verschwenderische ausschweifende Königin im Frankreich Ende des 18. Jahrhunderts auf der einen Seite und Margrid Arnaud, die Frau, die auf den Pariser Strasse gegen Hunger und Armut kämpft auf der anderen Seite – ausser den gleichen Initialen haben die beiden Frauen mehr gemeinsam als man zuerst vermutet. Am 30. Januar 2009 feierte das Stück von Michael Kunze und Silvester Levey im Theater Bremen seine Europapremiere. Nach einer weniger erfolgreichen Spielzeit, wurde das Stück für die Wiederaufnahme in Tecklenburg von den Autoren überarbeitet.

Cagliostro der Meister der Illusionen lenkt die Ereignisse geschickt und sorgt dafür, dass sich die Schicksale der beiden Frauen immer mehr miteinander verweben. Das neue Lied „Wenn Wölfe heulen“ unterstützt noch mehr den Eindruck des Schicksal-Lenkers. Schade ist, dass das Opening „Illussionen“ so stark gekürzt wurde. Ebenfalls durch ein neues Lied wurde die Rolle der Margrid Arnaud noch deutlicher gezeichnet. Zu den sowieso beeindruckenden Liedern „Blind vom Licht der vielen Kerzen“ sowie „Ich weine nicht mehr“ gesellt sich „Ich bin etwas wert“ hinzu – welches hilft, die Handlung noch besser zu verstehen.

Wie schon bei „Hairspray“ zeigt sich das Bühnenbild (Susanna Buller) in Tecklenburg wandlungsfähig und ergänzt sich wunderbar mit dem Ambiente der Burgruine. Das Drehelement auf der linken Seite dient als Gefängnis und Guillotine, während das zweistöckige Bühnenelement in der Mitte immer wieder wirkungsvoll ins Stück mit einbezogen wird. Beeindruckend sind die Kostüme (Karin Alberti) – allen voran die wunderschönen Kleider von Marie Antoinette bis hin zu den ‚Fetzen‘ der Armen.

Die Regie von Marc Clear ist durchweg gelungen und überzeugt durch eine gute Zeichnung der einzelnen Charaktere. Ob es die Handlanger Cagliostros in einzelnen Szenen in der Art und Weise unbedingt benötigt bleibt dahingestellt. Allerdings sorgen sie als Puppenspieler zusammen mit dem kompletten Ensemble für eine fulminante Schlussszene am Ende des ersten Aktes. Die Choreografie von Doris Marlis sorgt für wirkungsvolle Momente auf der Bühne und trägt entscheidend dazu bei, dass die Massenszenen und auch die Unterschiede zwischen Volk und Adel hervorragend gelungen sind. Im Laufe des Stücks ist Cagliostro immer durch unterschiedliche Personen im Leben von Margrid & Marie Antoinette zugegen und nimmt so auf den Verlauf der Zukunft der Beiden entscheidend Einfluss. Yngve Gasoy Romal überzeugt als Cagliostro mit wohlklingender Stimme und ausdrucksstarkem Schauspiel.

Das Orchester unter der Leitung von Tjaard Kirsch kann auf ganzer Linie überzeugen, wie auch der fantastische Chor der Freilichtspiele Tecklenburg – vor allem bei dem Lied „Ich weine nicht mehr“ jagt eine Gänsehaut die Nächste. Anna Thorén gelingt es, den Charakter der Marie Antoinette und deren Entwicklung glaubhaft, mit gefühlvoller Stimme, zu spielen. Allerdings kann Thorén als junge unbekümmerte Königin nicht gänzlich überzeugen – umso stärker gefällt sie im zweiten Akt, als Marie Antoinette feststellt wie sehr ihr Volk leidet und versucht, leider zu spät, die Richtung zu korrigieren. Der Gegenpart in diesem Stück heisst Margrid Arnaud. Die Wandlung vom verbitterten Waisenkind , welches zur Anführerin der Französischen Revolution wird, zur nachdenklichen gereiften Frau gelingt Sabrina Weckerlin hervorragend. Mühelos, so scheint es, berührt sie mit ihrer tadellos kraftvollen Stimme.

Die beiden Herren im Leben der Marie Antoinette sind so verschieden wie Sonne und Mond. Als König Louis XVI, der lieber ein einfacher Mann als Monarch ist, agiert Frank Winkels mit gefühlvollem Schauspiel und wohlklingender Stimme überzeugend, wie auch Patrick Stanke als Graf Axel von Fersen – der Gewissen und Liebhaber Marie Antoinettes in Persona ist. Margrid Arnauds „Schutzengel“ sind die Waisenhausnonne Agnés Duchamps (Wietske van Tongeren) und die „Puffmutter“ Madame Lapin (Anne Welte). Beide überzeugen durch gutes Schauspiel und stark gesungenen Soli.

Wie schon bei Hairspray am Vorabend stand ein hervorragendes Ensemble samt einem beeindruckenden Chor auf der Bühne und ein klasse Orchester spielte unter der Bühne. Das Publikum war zwar in Anbetracht des Stückes ruhiger als am Vorabend, aber dennoch war die tolle Stimmung spürbar. Auch „Marie Antoinette“ ist eine Durchweg gelungene Produktion der Freilichtbühne Tecklenburg und absolut sehenswert (gewesen).

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Fotogalerie zu „Marie Antoinette“ in Tecklenburg

Unterhaltsame Inszenierung – „Hairspray“ – Freilichtbühne Tecklenburg

Unterhaltsame Inszenierung – „Hairspray“ – Freilichtbühne Tecklenburg

Baltimore Anfang der 60er Jahre – Tracy Turnblad ist eine junges Mädchen das unbedingt in der „Corny-Collins Show“ tanzen will. Eigentlich durchaus im Bereich des Möglichen, wäre da nicht die Produzentin Velma von Tussle, die ihre Tochter Amber zum Star der Show machen will, und die Tatsache, dass Tracy übergewichtig ist.
Als Tracy, Penny und ihre farbigen Freunde bei einer Party im Plattenladen von Seaweed’s Mutter Motormouth Maybelle verhaftet werden, scheint der Wahl von Amber zur Miss Teenage Hairspray nichts mehr im Weg zu stehen.
Doch Tracy lässt sich auch davon nicht unterkriegen. Unterstützt wird sie dabei von ihren Eltern Edna und Wilbur sowie ihrer besten Freundin Penny. Zudem ist da auch noch Link Larkin, der Mädchenschwarm schlechthin.

Andreas Gergen gelingt dank der klaren Rollenführung der Charaktere eine unterhaltsame und witzige Inszenierung von „Hairspray“ in Tecklenburg. Zu keiner Zeit hat man als Zuschauer das Gefühl sich in der Handlung zu verlieren und kann der Geschichte ohne Probleme folgen. Unterstützt wird dies durch die fetzige Choreographie von Danny Costello und den zu den 60er Jahren passenden Kostümen von Karin Alberti. Die Bauchmuskulatur wird vom Lachen doch sehr strapaziert – genauso muss es in „Hairspray“ sein.

Ilse La Monaca zeigt als Tracy Turnblad nicht von Anfang an, was in ihr steckt. Allerdings macht sie diesen ersten Eindruck im Laufe der Show locker wett und glänzt mit toller Stimme und gutem Schauspiel. Andreas Lichtenberger als Edna (die Rolle wird in „Hairspray“ immer von einem Mann gespielt) und Mathias Schlung als Wilbur Turnblad, die ihre Tochter auf ganzer Linie unterstützen, bilden eine gelungene Kombination voller Witz und Esprit. Der Song „Du bist zeitlos für mich“ ist einer von vielen Höhepunkten des Abends. Ein weiterer Grund weshalb die Lachmuskeln so strapaziert werden ist die witzige Mimik und das überragende Schauspiel von Jana Stelley, die die leicht schusslige und dümmliche beste Freundin von Tracy, Penny Pingelton, spielt.

Kerstin Marie Mäkelburg zeigt als hinterhältige Velma von Tussle, die ihre Tochter zu dem Star machen will, der sie nie war, eine starke stimmliche und schauspielerische Leistung. Auch Maja Sikora als Amber kann mit einer gelungene Darstellung punkten. Amanda Whitford als Motormouth Maybelle versteht es genauso wie Michael Ernst als Corny Collins, dank der starken Bühnenpräsenz, die Zuschauer in den Bann zu ziehen. Stimmlich gut, allerdings im Schauspiel etwas blass bleibt Nicky Wuchinger als Link Larkin, dem man den Mädchenschwarm nicht so ganz abnimmt.

Das Bühnenbild von Susanna Buller ist knallbunt gestaltet und praktisch. So ist die Drehbühne am linken Bühnenrand mal Schulzimmer, mal Plattenladen oder auch Gefängnis. Ebenso flexibel einsetzbar ist das zentrale zweistöckige Bühnenelement, dass mal Turnblads Wohnung im ersten Stock oder „Corny-Collins-Show“ im unteren Stock ist. Dadurch lassen sich die Übergänge der einzelnen Szenen flüssig gestalten.

Trotz der sehr unterhaltsamen Story weisst das Buch von Mark O’Donnell und Thomas Meehan an einigen Stellen Längen auf – so zum Beispiel das Völkerballspiel im Sportunterricht. Die Musik von Marc Shaiman gefällt und hat mit Songs wie „Good Morning Baltimore“, „Willkommen in den Sixties“ oder „Niemand stoppt den Beat“ einige Ohrwürmer zu bieten. Der Musikalische Leiter Klaus Hillebrecht führt das Orchester sicher und sauber durch die Vorstellung.

Ein insgesamt klasse agierendes Ensemble, eine hervorragende Stimmung im Publikum und das familiäre Ambiente der Freilichtspiele Tecklenburg waren die Zutaten für einen schönen und unterhaltsamen Open-Air-Musicalabend.

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Fotogalerie zu „Hairspray“ in Tecklenburg