Gelungene Komödienpremiere in Thun: „Sugar – Manche Mögen’s Heiss“

Was tun, wenn man während eines banalen Botenganges mitten in Chicago Zeugen eines Mafia Bandenkrieges wird? Beine in die Hand und um sein Leben rennen? Joe und Jerry, zwei mittellose Musiker, entschliessen sich genau das zu tun. Nichts wie weg aus Chicago, aber wie ohne Geld? So kommt es ihnen ganz gelegen, dass die Mädchenband „Society Sopranos“, um Bandchefin Sweet Sue, auf der Suche nach zwei Musikern für die bevorstehende Reise nach Miami ist. Eigentlich wären Joe und Jerry prädestiniert für den Job, allerdings bekommen sie als Männer von Band-Manager Bienstock einen Korb, da ausschliesslich weibliche Mitglieder gewünscht sind. Vor der Abfahrt des Zuges schafft es Sugar Kane, der Star der „Society Sopranos“, gerade noch rechtzeitig zum Bahnhof und mit ihr die beiden neuen Musikerinnen Josephine und Daphne. Es dauert nicht lange bis Mafia-Boss Spats Palazzo und seine Männer den beiden auf die Spur kommen und sie im Grand Shell Hotel in Miami aufspüren. Zu allem verliebt sich Joe alias Josephine in Sugar Kane und Jerry alias Daphne verdreht dem rüstigen Millionär Sir Osgood Fielding III den Kopf. Das Chaos in Florida ist vorprogrammiert.

„Some like it hot“ von Billy Wilder und I.A.L. Diamond, basierend auf einer Story von Robert Thoeren, wurde 1959 mit Marilyn Monroe als Sugar, Tony Curtis als Joe und Jack Lemmon als Jerry verfilmt. Die an sich unglaubwürdige Geschichte spielt im tristen Chicago der 1920er Jahre. Der Schlusssatz des Films „Well, nobody’s perfect“ wurde legendär und hat sich als Redensart auch im Deutschsprachigen Raum etabliert. Während die Filmvorlage zur besten amerikanischen Komödie aller Zeiten gekürt wurde, scheiterte der erste Versuch den Stoff als Musical zu adaptieren an der Machart der Filmkomödie. Im Jahr 1972 feierte „Sugar“ im Majestic Theatre am Broadway seine Uraufführung und erst 1992 folgte die Premiere am Westend in London. Das Buch zum Musical stammt von Peter Stone, Bob Merrill lieferte die Gesangstexte und die Musik stammt aus der Feder von Jule Styne.

Ensemble und Marie-Ankes Lump als Sugar Kane|Foto: Iris Steger

Ensemble und Marie-Ankes Lump als Sugar Kane | Foto: Iris Steger

Einmal mehr bietet Thun mit dem See sowie Eiger, Mönch und Jungfrau eine wunderbare Kulisse für ein Musicalerlebnis im Sommer. Das Bühnenbild von Marlen von Heydenaber zeigt eine nach innen geöffnete Muschel mit einer grossen Showtreppe in der Bühnenmitte. Die seitlichen Kulissen sind mal Zugabteil, Hotelzimmer, Bar oder Garage. Heydenaber gelingt es mit Liebe zum Detail die Unterschiede zwischen dem tristen Chicago und dem farbenfrohen Miami herauszuarbeiten. Als minim störend erweiset sich allerdings das kahle Gerüstgestänge, mit welchem die Muschel gehalten wird, auch wenn dieses zeitweise als Spielfläche genutzt wird. Die Kostüme von Mareike Delaquis Porschka spiegeln die Epoche der 1920er Jahre wieder. Ihr gelingt eine klare Trennung zwischen der Tristesse der Bürger von Chicago, den Mafia Gangstern und dem farbenfrohen Leben in Miami. Ein Hingucker sind die Kostüme der Showgirls. Die unterschiedlichen Handlungsorte werden durch das Lichtdesign von Carsten Bosch zusätzlich hervorgehoben und bilden so eine Symbiose zwischen Bühnenbild, Darstellern und Licht.

Ensemble und Marie-Anjas Lumpp als Sugar Kane | Foto: Iris Steger

Ensemble und Marie-Anjas Lumpp als Sugar Kane | Foto: Iris Steger

Der Film ist eine temporeiche Parodie auf die düstere Zeit der Gangster und Ganoven der 1920er Jahre, die mit zahlreichen komödiantischen Szenen, sexistischen Anspielungen der Geschlechter und Slapstick Einlagen gespickt ist. Und genau hier liegt die Herausforderung der Musical Adaption, die ruhiger daherkommt als die Filmvorlage. Für die Regie in Thun zeigt sich Werner Bauer verantwortlich, der sich stark an die Filmvorlage hält. Allerdings schafft er eine eigenständige Erzählweise, vor allem dann, wenn die sehenswerte Choreographie von Christopher Tölle mit ins Spiel kommt. So sind die Shownummern auf der grossen Treppe und den Etagen der grossen Muschel ein Hingucker. Das Orchester unter der versierten Leitung von Ivan Wassilevski bringt die jazzigen Songs der Roaring Twenties schmissig zu Gehör. Das Tondesign von Thomas Strebel macht einfach nur Spass und gibt Orchester und Darstellern genügend Raum zur Entfaltung.

Franz Frickel als Daphne, Maximilian Mann als Josephine und Marie-Anjas Lumpp als Sugar Kane | Foto: Iris Steger

Franz Frickel als Daphne, Maximilian Mann als Josephine und Marie-Anjas Lumpp als Sugar Kane | Foto: Iris Steger

In die Fussstapfen von Marilyn Monroe, Jack Lemmon und Tony Curtis zu treten ist sicher eine Herausforderung, zumal dieses Trio den Film massgeblich geprägt hat. Nichtsdestotrotz gelingt es den drei Hauptprotagonisten eine eigene Interpretation der Rollen. Marie-Anjes Lumpp spielt Sugar Kane mit der nötigen Naivität ohne das Sexappeal der Rolle ausser Acht zu lassen. Ihre Interpretation des Songs „I wanna be loved by you“ überzeugt, intoniert sie diesen mit ihrer starken und klaren Stimme. Das wichtigste bei einer Komödie ist ein gutes Timing für die komödiantischen Einlagen. Dies gelingt Franz Frickel als Jerry/Daphne und Maximilian Mann als Joe/Josephine auf ganzer Linie. Hervorragend ergänzt wird das Trio von einem glänzend aufspielenden Walter Andreas Müller „WAM“ als rüstigen Millionär Sir Osgood Fielding III.

Während Spaz Palazzo seine Ganoven zuerst durch Chicago und dann durchs Grand Shell in Miami hetzt, finden auch Bandchefin Sweet Sue und Band-Manager Bienstock in dem ganzen Tohuwabohu zueinander. Sven Olaf Denkinger als Spaz Palazzo, Lada Wongpeng als Sweet Sue und Tilmann von Bloomberg als Bienstock zeigen eine gelungene Darstellung und interpretieren ihre Figuren Rollengerecht. Das ganze Ensemble, inklusive des Chor der Thuner Seespiele, sprüht vor Spielfreude und sorgt dadurch für einen unterhaltsamen Abend – das Publikum spendete begeisterten Applaus.

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