„Romeo & Julia“ – Verona am Thunersee

„Romeo & Julia“ – Verona am Thunersee

Verona: Der Familienzwist zwischen den Capulets und den Montagues hält die Stadt in Atem. Korruption, Erpressung, Bestechung und Gewalt stehen an der Tagesordnung. Der Staatsanwalt kommt bei einem Autobombenanschlag fast ums Leben und die Carabinieri sind machtlos. Eine Liebe zwischen Mitgliedern der beiden Familien ist undenkbar und doch verlieben sich Romeo Montague und Julia Capulet auf einem Ball unsterblich ineinander. Romeo & Julia möchten ihr Leben zusammen verbringen und planen schon nach kurzer Zeit heimlich ihre Hochzeit. Als bei einem erneuten Aufeinandertreffen der beiden Clans Tybald Romeos besten Freund Mercutio ermordet, geht dieser blind vor Trauer auf Tybalt los und erschlägt ihn. Romeo wird aus Verona verbannt und das junge Glück nimmt eine tragische Wendung.

Das Stück mit dem Originaltitel „The Most Excellent and Lamentable Tragedy of Romeo and Juliet“ ist im Jahr 1597 erschienen und stammt aus der Feder von William Shakespeare. Gèrard Presgurvic (Buch & Musik) adaptierte das Stück in eine Musicalfassung. „Romeo & Julia“ feierte im Jahr 2001 als Musical in Paris seine Uraufführung, 2005 erfolgte die deutschsprachige Uraufführung in Wien.

Ensemble „Romeo & Julia“, Foto: Iris Steger

Regisseur Christian von Götz verlagert seine Inszenierung in das 21. Jahrhundert. Facebook, Selfies & Co. halten Einzug in Verona. Eine seltsame Vorstellung? Mitnichten! Götz gelingt es, diese moderne Erzählweise des Stücks interessant und detailliert umzusetzen, die Kürzung fällt dabei kaum ins Gewicht. Seine präzise Personenführung, der Barbieball der Capulets, welcher herrlich kitschig daher kommt, und die unterhaltsame Umsetzung, gestalten das Stück durchgehend abwechslungsreich. Die BMX-Stunts (Andreas Halter/Joel Portenier) auf der Halfpipe sind das Tüpfelchen auf dem i. Einzig der Versuch der arrangierten Hochzeit von Julia passt sich nicht so Recht ins Gesamtbild der Modernität. Die starke und mitreissende Choreografie von Carlos Matos, die vor allem in den Ensembleszenen zum tragen kommt, verleiht der Inszenierung zusätzlich Schwung. Gekämpft wird mit Eisenstangen, Baseballschlägern und Fäusten – alles sieht so gekonnt aus, dass man Jochen Schmidtke für seine Kampfchoreographie nur gratulieren kann.

In diese Moderne fügt sich das Bühnenbild von Urlich Schulz nahtlos ein. Mit Blick auf Eigner, Mönch und Jungfrau thront eine rosarote Halfpipe auf der Seebühne. Auf der linken Seite sind die Capulets und auf der rechten Seite die Montagues zu Hause. Abwechselnd wird die Halfpipe mal zu Fuss, mal mit dem Skateboard oder mit den BMX geentert. Kleine detaillierte Ergänzungen lässt die Unterschiede zwischen den Familien gut erkennen, wie zum Beispiel die Initialen der Familien an den Türen. Das Lichtdesign von Michael Werner fügt sich wunderbar ins Bühnenbild ein und bringt einzelne Szenen noch mehr zur Geltung. Die Kostüme von Ulrich Schulz und Mareike Delaquis Porschka sind farbenfroh, fetzig und erlauben eine gute Unterscheidung zwischen den beiden Familienclans. Während die Capulets schrill und bunt daher kommen, mit Ausnahme von Julia, sind die Montagues eher normal und die Kostüme in neutraleren Farben gehalten. Dieses Bild zieht sich auch durch das Masken- und Perückendesign von Roland Fahm.

Die Musik ist passend zum Stück und treibt die Handlung voran, lässt allerdings einen richtigen Ohrwurm vermissen. Einzig „Ich bin schuldlos“ und „Die Angst“ heben sich vom Rest der Songs ab. Gekonnt und schwungvoll dirigiert Iwan Wassilevski sein Orchester durch die Partitur und bringt die Lieder schmissig zu Gehör. Der Chor der Thuner Seespiele unterstützt auf eindrückliche Weise einzelne Szenen mit seinen kraftvollen Darbietungen. Der Sound von Thomas Strebel gefällt, die Abmischung zwischen Orchester, Chor und Ensemble ist rundherum gelungen.

Romeo & Julia sind zwei verträumte 16-jährige Jugendliche, die sich nichts sehnlichster wünschen als die Liebe ihres Lebens zu finden. Während Julia sich gegen den Plan ihrer Eltern, den egozentrischen Paris (Tadellos: Georg Prohazka) zu heiraten, sträubt, versuchen Romeos Freunde ihm die Heirat mit Julia auszureden. Iréna Flury und Dirk Johnston gelingt die Darstellung der beiden Hauptcharaktere mühelos, ohne dabei zu übertreiben. Gesanglich agieren beide auf hohem Niveau und harmonieren wunderbar miteinander.

Die besten Freunde Mercutio und Benvolio stehen Romeo immer zur Seite. Mercutio ist der Draufgänger und Provokateur in dem Dreiergespann und Benvolio eher ein Träumer mit Flausen im Kopf. Absolut gelungen ist die Interpretation von Kurosch Abbasi als Mercutio. Tobias Bieri legt seine Schwerpunkte der Rolle mühelos an den richtigen Stellen. Tybalt ist die Reizfigur der Gegenseite und provoziert den Montague Clan auf jede erdenkliche Weise. Heimlich in Julia verliebt, lässt er seinem Frust über diese unerfüllte Liebe, vor allem gegenüber Romeo, freien Lauf. Ganz stark gelingt Philipp Büttner der Song „Ich bin schuldlos“.

Einen richtigen Draht zu ihrer Tochter haben weder Lady Capulet noch Lord Capulet. Glanz und Glamour ist ihnen wichtiger als ihr eigenes Kind. Herrlich überspitzt zeigen Kerstin Ibald und Björn Klein die Oberflächlichkeit ihrer Charaktere. Das ganze Gegenteil ist Romeos Mutter Lady Montague, die authentisch von Claudia Agar gespielt wird. Die Sorgen und das Leid einer Mutter spielt sie absolut überzeugend. Sowohl Ibald als auch Agar gefallen mit ihrem ausdrucksstarken und wohlklingenden Stimmen. Katja Berg als Amme gelingt eine Meisterleistung. Komödiantisch auf den Punkt, ohne aufgesetzt zu wirken, mimt sie die Julias Vertrauensperson ohne Fehl und Tadel. Als heimliche Vermittlerin der beiden Liebenden, unterstützt sie ihr Lämmchen wo sie nur kann. Ein Vergnügen ist die Szene als sie auf der Suche nach Romeo den Montague-Jungs begegnet und sich diese über sie lustig machen.

Steffen Häuser, in der Doppelrolle als Pater Lorenzo und als Bettler/Tod, hinterlässt besonders bei dem Song „Die Angst“ als Bettler/Tod einen bleibenden Eindruck, als er Romeo wie eine Art Marionette missbraucht. Er ist es, der Romeo den Baseballschläger gibt mit dem dieser Tybalt erschlägt und er reicht ihm auch die Giftflasche, um sich umzubringen. Paul Kribbe ist als Fürst machtlos gegenüber dem Treiben in Verona. Einziges Machtmittel ist die Verbannung von Romeo aus Verona und selbst dieser Schritt ist eher eine Notlösung, statt ein richtiger Schritt um in Verona wieder Ordnung herzustellen.

Alles in allem: Ein stark agierendes Ensemble, ein frisch auftretenden Marco Fritsche als Erzähler und nicht zuletzt die Geschichte von Romeo & Julia machen diese moderne Inszenierung absolut sehenswert. Das Publikum honorierte eine durchweg überzeugende Leistung mit Standing Ovations.

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