Berührend – „Next to Normal“ in Fürth

Berührend – „Next to Normal“ in Fürth

Als die Bekanntgabe erfolgte, dass das Rock-Musical „Next to Normal“ als deutsche Uraufführung zu sehen sein wird, durchzog eine gespannte Erwartungshaltung die deutschsprachige Musicalwelt. Unter dem Titel „Feeling Electric“ nahm das Stück 1998 seinen Anfang und im Laufe seiner Entstehung wurde es in „Next to Normal“ umbenannt. Das Stück von Tom Kitt (Musik) und Brian Yorkey (Buch und Liedtexte) wurde im Jahr 2008 erstmals off-Broadway gespielt und erhielt zunächst gemischte Kritiken. Bemängelt wurde unter anderem, dass es an der richtigen Balance zwischen Pathos und Humor fehlt. Am 15. April 2009 feierte das Musical in seiner heutigen Fassung Premiere am Broadway. Drei gewonnene Tony-Awards (beste Originalmusik, beste Orchestrierung und beste Hauptdarstellerin mit Alice Ripley) und im Jahr 2010 der Pulitzer-Preis für das beste Drama. Die deutschsprachige Uraufführung feierte das Stück am 11. Oktober 2013 am Stadttheater Fürth.

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Erzählt wird die Geschichte der Familie Goodman. Vor 16 Jahren ist Diana Goodman an einer bipolaren Störung erkrankt. Die Stimmungsschwanken zwischen manischen und depressiven Phasen bringen die Familie an den Rand der Belastbarkeit. Ursache für die Erkrankung ist ihr Sohn Gabe, mit dem sie spricht und der Teil ihres Lebens ist – ein unverarbeitetes Trauma. Dan Goodman kümmert sich liebevoll um seine Frau, dringt aber zunehmend nicht mehr zu ihr durch. Unter der ganzen Situation leidet besonders Tochter Natalie, die von ihrer Mutter kaum wahrgenommen wird. Sie flüchtet sich in schulische Topleistungen und Perfektionismus am Klavier. Erst als Natalie Henry, einen lockeren und lustigen Mitschüler kennenlernt und sich in ihn verliebt, kann sie aus ihrem Panzer ausbrechen. Nach einem Suizidversuch willigt Diana in die Elektrokrampftherapie (EKT) ein – eine scheinbar ultimative Heilungsmethode. Zwar sind die Stimmungsschwankungen vorerst verschwunden, aber mit ihnen auch fast vollständig alle Erinnerungen. Die Bemühungen Dianas Leben wieder zu rekonstruieren lässt die Familie beinahe zerbrechen. Natalie sucht Zuflucht in Drogen und Dan versucht alles zu retten, was ihm lieb ist. Nach und nach kehren Dianas Erinnerungen zurück und mit ihnen auch ihr Sohn Gabe.

Die deutsche Übersetzung stammt aus der Feder von Titus Hoffmann. Ihm gelingt über weite Strecken eine stimmige Übersetzung, die das Stück auch emotional in den richtigen Bahnen belässt. Durch die Einfachheit des Bühnenbildes liegt der Fokus auf den Darstellern. Gespielt wird auf zwei Etagen, in welchen die unterschiedlichen Handlungsorte, mit geringen zusätzlichen Requisiten, dargestellt werden. Eine gute Ergänzung sind die gelungenen Videoprojektionen von Daniel Bahnke. Hinter dem Bühnenbild ist die sechsköpfige Band integriert, die am Anfang zu sehen ist und danach hinter einem Vorhang verschwindet. Die Musiker, um den Musikalischen Leiter Christoph Wohlleben, sorgen für einen satten und druckvollen Sound, der die Inszenierung und die Songs klangvoll ergänzt.

Hoffmann der ebenfalls für die Inszenierung verantwortlich ist, ist es gelungen die Geschichte der Goodmans auf eine berührende und fesselnde Weise zu zeigen. Unterstützt durch die wunderbare Choreografie von Melissa King. Kostüme (Stephan Prattes) und Maske (Nicole Zürner) sind passend und natürlich und lassen so den Eindruck einer normalen Vorstadt-Familie bestehen.

Mit der Verpflichtung einer namhaften Cast ist dem Stadttheater Fürth und Titus Hoffmann ein genialer Schachzug gelungen. Pia Douwes zeigt als Diana Goodman auf eindrucksvolle Weise, wie sehr eine bipolare Störung einen Menschen verändern und beeinflussen kann. Als Dan Goodman ist Thomas Borchert zu sehen. Hin- und hergerissen zwischen seinem eigenen Leid und der hingebungsvollen Unterstützung für seine Frau, zerbricht Dan fast an der Situation. Borchert gelingt die Darstellung auf grandiose Art. Die Person die am meisten unter der Situation leidet ist Tochter Natalie. Mit aller Macht versucht sie die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu gewinnen. Sabrina Weckerlin zeigt als Natalie eine starke Leistung. Ebenfalls eindrücklich agiert Dirk Johnston als Gabe Goodman. Obwohl Gabe als Baby gestorben ist, ist er im Bewusstsein seiner Mutter als erwachsener junger Mann und bestimmt deren Leben. Dominik Hees gefällt als Henry ebenso wie Ramin Dustdar als Dr. Fine/Dr. Madden. Stimmlich agieren alle Darsteller auf sehr hohem Niveau.

Mit „Next to Normal“ wird gezeigt, wie erweiterbar das Genre Musical ist und wie Schicksale und Geschichten eindrücklich erzählt werden können. „Next to Normal“ ist ein Stück, bei dem man nachdenklich aus dem Theater geht und das einen auch noch einige Tage später gedanklich beschäftigt. Diese Art von Musical wünscht man sich mehr, da dadurch auch zur Aufklärung bestimmter Themen beigetragen wird.

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