Moderne Bibelstory: „Moses – Die 10 Gebote“ in St. Gallen

Moderne Bibelstory: „Moses – Die 10 Gebote“ in St. Gallen

Michael Kunze (Buch und Liedtexte) hat keine langweilige Version einer jahrtausendealten Überlieferung geschrieben, sondern ein entstaubtes modernes Stück. Kunze erzählt die Geschichte von Moses durchaus mit einem Bezug zur Gegenwart – dies spiegelt sich den Texten wider, ohne die Überlieferung sprachlich mit Gewalt in das Hier und Jetzt zu adaptieren.

Lukas Hobi (Moses) und Frank Winkels (Aaron). Foto: Toni Suter

Dieter Falk hat für das Stück abwechslungsreiche Musik geschrieben, die Elemente aus Pop, Rock und Gospel enthält. Schwungvolle Ensemblenummern wechseln sich mit einfühlsamen, starken Solonummern ab, die einen gewissen Ohrwurmcharakter haben. Die Orchestration und Arrangements stammen von Michael Reed, dessen Handschrift in der Melodieführung klar zu erkennen ist. Der Musikalische Leiter Robert Paul dirigiert die Moses-Band sicher durch die Partitur und lässt einen mitreißenden Sound aus dem Orchestergraben erklingen.

Martin Duncan gelingt eine starke Inszenierung: Die Szenen sind in sich stimmig, die Charaktere des Stücks sind dabei sehr deutlich gezeichnet. Zu keiner Zeit wirkt etwas unfertig oder unschlüssig, selbst die schnellen Wechsel des Ensembles zwischen Ägyptern und Israeliten gelingt mühelos. Einen kleinen Wermutstropfen bilden lediglich die Unterschiede zwischen dem ersten und zweiten Akt. Während im ersten Akt ein Highlight das Nächste jagt, geht es im zweiten Akt nach der Teilung des Meeres ruhiger zu. Sehenswert sind dafür jedoch die Choreografien von Nick Winston, der in die Tanzszenen auch ägyptisch anmutende Elemente eingebaut hat.

Lukas Hobi (Moses). Foto: Tine Edel

Das Bühnenbild von Francis O’Connor wirkt einfach und eindrücklich zugleich: Zwei Seitenelemente mit Eingängen und das Rückelement mit großem Tor bilden eine fixe Kulisse für den eigentlichen Handlungsspielraum. Den Palast des Pharaos bilden zwei Treppenelemente, die der Form einer Pyramide gleichen, inklusive Thron. Darüber befindet sich ein pyramidenförmiges Element, das ein Horusauge in der Mitte zeigt. Dem gegenüber stehen die einfachen Zelte und Habseligkeiten der Israeliten. Die Bühnenbildwechsel sind durch die bespielbare Erweiterung der Bühne um den Orchestergraben gut gelöst. Der Unterschied zwischen den Völkern ist deutlich zu erkennen – nicht zuletzt auch durch die wunderschönen Kostüme von Joan O’Clery. Während die Israeliten einfache Leinengewänder und Sandaletten tragen, sind die Kostüme der Ägypter opulenter ausgefallen – beide mit viel Liebe zum Detail ausgearbeitet. Eindrücklich sind die Kostüme der Hexe Hotcheb und des Feuerengels Pyron.

Ein Meisterwerk liefert Sven Ortel mit den Videoprojektionen. Die Umsetzung des brennenden Dornbuschs oder die Teilung des Meeres sind dreidimensional und hinterlassen einen bleibenden Eindruck. Harmonisch fügt sich das Lichtdesign von Michael Grundner in das Bühnenbild ein, das auch die Videoprojektionen perfekt ergänzt.

Moses, der im ägyptischen Palast aufgewachsen ist, erfährt am Tag der Ernennung von Ramses zum Pharao, dass er als Baby in einem Weidenkorb am Flussufer gefunden wurde und nur ein Sklave ist. Zwischen Zweifel, Hoffnung und Angst ob der mächtigen Aufgabe, die Gott ihm auferlegt hat, zeigt Lukas Hobi als Moses eine starke Leistung und besticht mit einer wohlklingenden Stimme. In der Bibel wird Ziporah, die Frau von Moses, nur am Rande erwähnt. Michael Kunze hat für das Musical die Rolle der Ziporah allerdings entscheidend ausgebaut. Sie ist es, die Moses in unsicheren Momenten bestärkt, seinen Weg zu gehen und auf sein Herz zu hören. Sophie Berner spielt die Rolle mit einer eindrücklichen Bühnenpräsenz. Ihr klangschönes und tiefes Timbre sorgt für Gänsehaut, vor allem bei dem Duett „Tu, was dir dein Herz befiehlt“, das sie zusammen mit Lukas Hobi singt.

Stefan Poslovski (Ramses) und Lukas Hobi (Moses). Foto: Toni Suter

Ramses wird nach dem Tod von Sethos Pharao von Ägypten. Rücksichtslos und machtgierig sinnt er nach den von Gott gesandten Plagen auf bittere Rache. Stefan Poslovski agiert als Ramses mit auffallender Intensität und kräftiger Stimme, mit der er unter anderem in dem Lied „Es ist nicht leicht, ein Gott zu sein“ überzeugt. Als Beraterin steht Ramses die Hexe Hotcheb zu Seite. Sie ist es, die Moses als Kindfrau aufzog und sein Geheimnis kennt. Kerstin Ibald zeigt ihr komödiantisches Talent, sorgt für den einen oder anderen Lacher im Publikum und gefällt auch mit ihrer besonderen Stimmfarbe. Siegmar Tonk hat als Haremhab, oberster Diener von Ramses, ebenfalls witzige Momente, die er auf den Punkt bringt, ohne dass sie aufgesetzt wirken.

Aaron ist der Bruder von Moses und übernimmt das Reden vor dem Pharao, als Moses verlangt, dass dieser sein Volk ziehen lassen soll. Frank Winkels gefällt als wortgewandter Unterstützer von Moses. Mit klangschöner Stimme glänzt Sophia Georgy als Moses‘ Schwester Miriam. Naroch, der hohe Priester der Israeliten, ist ein Fanatiker, der an Moses Weg zweifelt und zur Gottesfurcht mahnt. Thomas Borchert spielt die Rolle des Zweiflers hervorragend und zeigt stimmlich eine neue Facette, die vor allem im Song „Gottesfurcht“ gefällt. Als Gottes Feuerengel Pyron hat Patricia Meeden stimmgewaltige Auftritte. Mit sonor klingender Stimme Gottes begeistert Wolfgang Pampel, der unter anderem die Synchronstimme von Harrison Ford ist.

Beeindruckende Bilder sind bei „Moses – Die 10 Gebote“ in St. Gallen zu sehen. Foto: Toni Suter

Starke Ensemblenummern wie „Frondienst“ wechseln sich mit Freudenfesten wie „Hosanna: Manna!“ oder „Das Gelobte Land – über dem Tal des Jordans“ ab. Dabei kann das stark agierende Ensemble – egal ob als Israeliten oder Ägypter – auf ganzer Linie überzeugen. Auch der Chor des Theaters St. Gallen hinterlässt durch seine Stimmgewalt einen bleibenden Eindruck. Insgesamt ist dem Theater St. Gallen mit „Moses – Die 10 Gebote“ eine sehenswerte Weiterentwicklung des Pop-Oratoriums „Die 10 Gebote“ gelungen. Auch dem Premierenpublikum scheint der moderne Moses gefallen zu haben, denn es spendet bereitwillig Standing Ovations.

 

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