Berührend: Miss Saigon in London

Berührend: Miss Saigon in London

Saigon im April 1975 – Die letzten Wochen des Vietnamkrieges. Im Nachtclub „Dreamland“ findet ein Schönheitswettbewerb statt. Die erst 17 jährige Kim arbeitet unfreiwillig den ersten Abend im Club. Der junge GI Chris fühlt sich zu Kim hingezogen. Um Chris einen Gefallen zu tun kauft ihm sein Freund John beim Inhaber der Bar, dem Engineer, eine Liebesnacht mit Kim. Die beiden verlieben sich, jedoch können sie ihr gemeinsames Glück nicht lange geniessen. In Saigon verschlimmert sich die militärische Lage und die US-Amerikaner müssen per Hubschrauber aus der Stadt fliehen. Kim bleibt allein zurück.

Helikopter-Szene, Foto: Roy Beusker
Helikopter-Szene, Foto: Roy Beusker

Drei Jahre später glaubt Kim immer noch an die Rückkehr von Chris, dessen Sohn sie mittlerweile zur Welt gebracht hat. Nach einem Streit, bei welchen Kim ihren Cousin Thuy, einen Unteroffizier der Vietkong, erschiesst, flieht sie mit dem Engineer nach Bangkok. Chris, der in der Zwischenzeit die Amerikanerin Ellen geheiratet hat, erfährt auf einer Konferenz von dem Schicksal der vietnamesisch-amerikanischen Kinder, den „Bui Doi“. John erzählt Chris, dass auch Kim einen Sohn hat, seinen Sohn. Gemeinsam mit Ellen macht er sich in Bangkok auf die Suche nach Kim und Tam.

Das Stück aus der Feder von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg ist ein Klassiker im Musicalbereich und basiert auf der französischen Novelle „Madame Butterfly“. Im Jahr 1989 feierte „Miss Saigon“ in London seine Uraufführung. Es folgten weitere Aufführungen auf der ganzen Welt. 25 Jahre nach seiner Uraufführung ist „Miss Saigon“ wieder zurück in London und spielt seit dem 3. Mai 2014 im Prince Edward Theatre.

Das Bühnenbild basiert auf dem Original „Miss Saigon“-Design von Adrian Vauxs. Totie Driver und Matt Kinley haben an alle Details gedacht. Sowohl an die verwinkelte Hinterhof-Atmosphäre in Saigon als auch an die in Neonlicht getauchten Strassen von Bangkok. Auch der Hubschrauber, wohl das bekannteste Symbol des Stücks, welcher die amerikanischen Soldaten aus der Botschaft fliegt, fehlt nicht. Die Kostüme von Andreane Neofitou sind optisch hervorragend gelungen und immer der entsprechenden Szenerie sowie den Menschen angepasst.

Alistair Brammer (Chris) & Eva Noblezada (Kim)
Alistair Brammer (Chris) & Eva Noblezada (Kim)

Im unüberschaubaren Menschengetümmel Saigons ist die junge Kim unterwegs. Aufgrund ihrer Leichtgläubigkeit landet sie im Nachtclub „Dreamland“, dessen Besitzer, der Engineer, seine ganz eigenen Pläne mit der jungen Kim verfolgt. Als starke Besetzung erweisen sich Kims Kolleginnen, allen voran Rachelle Ann Go als Gigi. Die erst 18 Jahre alte Eva Noblezada als Kim erweist sich als wahrer Glücksgriff. Naiv und schüchtern zu Beginn gelingt ihr im Laufe der Geschichte mühelos die Wandlung zu einer Mutter, die mit allen Mitteln für ihr Kind kämpft. Ihre ausdruckstarke Bühnenpräsenz besticht genauso wie ihr klangschöner Sopran. Während Noblezada auf ganzer Linie begeistern kann, fällt Alistair Brammer als Chris etwas ab und vermag nicht so recht zu überzeugen. Allerdings bildet er mit Noblezada eine harmonische Kombination und das Spiel, um die Liebesbeziehung von Kim und Chris, wirkt glaubhaft. Unterstützt durch die wunderbaren Balladen „Sun and Moon“ und „The last night of the world“.

Nachdem der Vietkong das Zepter übernommen hat verfolgt der Engineer nur ein Ziel – Amerika. So lässt er nichts unversucht an die benötigten Papiere zu gelangen – Lügen, Betrügen und Bestechen – das und Kims Sohn Tam sind für ihn die Mittel zum Zweck. Jon Jon Briones gehört zwar gesanglich nicht zu den Besten im Stück, aber seine Art diesen schmierigen und doch irgendwie charmanten Charakter zu interpretieren ist fabelhaft. Seine Aktionen sind köstlich und die Pointen bringt er auf dem Punkt, ohne dass diese in irgendeiner Weise aufgesetzt wirken. Blass hingegen bleib Kims ehemaliger Verlobter Thuy, der sich im Regime vom einfachen Bauern zum Unteroffizier hochgearbeitet hat. Kwan-Ho Hong gelingt es nicht wirklich seiner Rolle mehr Charakter und Tiefgang zu geben und so bleibt er während der Handlung relativ blass und eher eine Randfigur.

Hugh Maynard spielt Chris Freund John, der im „Dreamland“ zu den besten Kunden gehört und das süsse Leben in Saigon in vollen Zügen geniesst. Nach Kriegsende findet er seine Berufung darin, in dem er sich für die Rechte der vietnamesisch-amerikanischen Kinder, den „Bui Doi“, einsetzt. Durch ihn erfährt Chris von seinem Sohn Tam. Maynard begeistert mit starker ausdruckskräftiger Stimme. So ist sein Song, John’s Song „Bui Doi“ ein wahrer Gänsehaut-Moment im Stück.

Ein Genuss sind die klangvollen Melodien von Claude-Michel Schönberg, die wunderbar vom Orchester unter der Leitung von Alfonso Casado Trigo zu Gehör gebracht werden. Vorwürfe kann man dem Stück (Musical Staging: Bob Avian, Additional Choreography: Geoffrey Garratt) an sich nicht machen, wenn auch die Handlung an der einen oder anderen Stelle langatmig ist. „Miss Saigon“ ist völlig zu Recht ein Klassiker auf ganzer Linie mit starken und schwachen Momenten. Getragen von einer mitreissenden Cast, hervorragender Musik, Comedy, Liebe aber auch Leid und Verzweiflung – eine Achterbahn der Gefühle.

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