Über weite Strecken gelungen: „Matterhorn“ im Theater St. Gallen

Über weite Strecken gelungen: „Matterhorn“ im Theater St. Gallen

Wie verpackt man eine Geschichte um einen Berg in ein Musical, welches einerseits die Dramatik der Erstbesteigung aufzeigt, als auch musikalisch die Theaterbesucher begeistern soll? Am Ende geht es um die Liebe zu einem Berg, dem Matterhorn, welche den jungen Engländer Edward Whymper in seinen Bann zieht. Insgesamt stehen 19. Anläufe zu buche, bis eben jenem jungen Mann, der eigentlich Illustrator ist, am 14. Juli 1865 die Erstbesteigung des Matterhorns gelingt.

Es geht um eine bedingungslose Liebe, Ehrgeiz und Ruhm. Nahezu alles schien perfekt, wenn es eben nicht zu dieser Tragödie an jenem Tag im Juli gekommen wäre. Sieben junge Männer, fünf Engländer und zwei Schweizer, machten sich über die Schweizer Seite auf den Weg das Matterhorn zu bezwingen. Im Rausch des Erfolgs der gelungenen Erstbesteigung und dem Triumph über die konkurrierenden italienischen Bergsteiger, kommt es bei Abstieg zur Tragödie. Das Happy End bleibt aus, aber die Eindrücke in den Gedanken bleiben. Am 17. Februar 2018 feierte das Stück seine Weltpremiere am Theater St. Gallen und wird noch bis Juni 2018 zu sehen sein.

Ensemble / Bild: Andreas J. Etter

Autor Michael Kunze, der in Zusammenarbeit mit dem Theater St. Gallen bereits „Don Camillo & Peppone“ sowie „Moses – Die 10 Gebote“ als Uraufführungen auf die Bühne brachte, schuf mit „Matterhorn“ zum ersten Mal eine Geschichte mit einem Schweizer Hintergrund. „Matterhorn“ ist kein Stück mit volkstümlichen Charakter, sondern rückt die Liebe, ja sogar die Besessenheit, von Edward Whymper zum Matterhorn und die Gier nach Erfolg in den Vordergrund. Kunze bringt eine Geschichte auf die Bühne, die das Drama der Erstbesteigung mit viel Gefühl erlebbar macht. Die Symbiose aus Tragödie, Ehrgeiz, Ruhm, Gefühl aber auch Mahnung ist ihm in der Umsetzung über weite Strecken gelungen. Einzelne Stellen wirken allerdings unschlüssig und nicht fertig ausgereift. So hinterlässt zum Beispiel die Anbetung des Berggeistes Orka in einer Art überdimensionalen Heiligenschein Fragen. Wird damit die Anbetung zu Gott dargestellt oder ist es der Aberglaube, der Olivia Buckingham zu Orka sprechen lässt? Ist es Traum oder Wirklichkeit? Herausgekommen ist eine Inszenierung, die manchmal zu viel will, aber bis auf eins zwei buchbedingten Längen im ersten Akt, besonders im zweiten Akt dramatisch und kurzweilig voranschreitet.

Mit Albert Hammond ergänzt das Kreativteam ein Vollblutmusiker der Welthits wie „One Moment in Time“, „The Air I Breath“ und „You Tell Me That You Love Me“ schrieb. Bei „Matterhorn“ feiert Hammond seine musikalische Premiere im Musicalbereich und bedient sich munter in unterschiedlichen Genres wie Rap, Rock-Pop, Funk und Schlager. Hammond versteht es, die Genres gekonnt miteinander zu verbinden und so bietet die Partitur eine gelungene musikalische Abwechslung. Einzelne Songs haben durchaus Ohrwurmcharakter.

Verse, Klauser, Welterlen, Toth, Bauer / Bild: Andreas J. Etter

Die Arrangements und die Orchestrierung von Koen Schoots unterstützt die Genres mit wunderbaren Melodien, rockigen Gitarrenriffs, Schlagerrhythmen, Alphornklängen als auch mystisch indisch angehauchten Tönen. Der Musikalische Leiter Bernd Steixner führt die Matterhorn-Band sicher durch die unterschiedlichen Musikstiele und lässt einen satten Sound aus dem Orchestergraben erklingen. Nachgebessert werden darf noch beim Ton (Stephan Linde), der am Premierenabend noch nicht ausgewogen war. So waren die Soli der Darsteller teilweise von der Musik übertönt und dadurch schwer verständlich.

Wie Hammond feiert Shekar Kapur sein Debüt im Musicalbereich. Der preisgekrönte Regisseur schuf unter anderem den Bollywood Kultfilm „Masoom“, den Hindi-Film „Bandit Queen“ wie auch den Spielfilm über Königin Elisabeth I von England mit Cate Blanchett in der Hauptrolle. „Matterhorn“ ist ein Stück das versucht mehrere Ebenen miteinander zu verbinden. Einerseits die bedingungslose Liebe Whympers zum Matterhorn, die bei ihm tiefer geht als die Liebe auf menschlicher Ebene, anderseits ist es das Ausschlachten des Erfolgs, welcher unabdingbar mit dem Gewinnstreben verbunden ist. Kapur gelingt es die Ebenen über weite Strecke nachvollziehbar miteinander zu verknüpfen. Die Gefühlsebenen sind klar mit seinen Darstellern herausarbeitet und er lässt zu, dass diese sich in ihren Rollen entfalten können. Dadurch kommen die Gefühle spürbar im Publikum an. Ein Fragezeichen hinterlässt die Erdkugel bei der Interpretation des Liedes „Warum sind sie blind“. Ist es ein Mahnmal sorgsamer mit der Natur umzugehen? Leider kann man die Aussage dieser Szene nicht in Verbindung mit der Geschichte des Musicals einordnen. Gelungen ist die Umsetzung des tragischen Absturzes, der in zwei zeitgleichen Szenen auf die Bühne gebracht wird. Unterstützt wurde Kapur in seiner Regiearbeit von Angus Wilkinson. Jonathan Huor hat eine mitreissende Choreografie geschaffen, die vor allem in den Ensemble-Szenen wie bei „Zermatt bleib ich treu“ richtig zum Tragen kommt.

Einer der Hauptakteure im Stück ist zweifelsohne das Matterhorn. Peter J. Davison schuf ein Bühnenbild, welches von den Werkstätten des Theater St. Gallen wunderbar umgesetzt wurde. Der Bühnenboden ist schräg im Bühnenbild eingelassen und mit einer Zeichnung des Bergmassivs versehen. Das Matterhorn ist als Drehbühne integriert und lässt durch unterschiedliche Höhen abwechslungsreiche Perspektiven zu. Im Hintergrund befindet sich die Bergkette der Zermatter Alpen. Durch die besondere Bauweise wirkt die Bergkette wie ein Spiegelbild in einem See. In einzelnen Szenen sieht man im Hintergrund das Bergdorf Zermatt, welches in die schräge Bühne integriert ist. Dezent eingesetzte Requisiten wie Tische, Stühle und Betten tragen dazu bei, dass der Fokus mehr auf die Darsteller gerichtet ist. Michael Grundner liefert ein exzellentes Lichtdesgin und setzt die Szenen ins passende Licht. So sorgt unter anderem ein glühend orangeroter Sonnenuntergang über dem Gipfel des Matterhorns für einen besonderen Moment.

Erstbesteigertrupp / Bild: Andreas J. Etter

Die Videoprojektionen von fettFilm (Momme Hinrichs, Torgen Møller) sind hervorragend und ergänzen das Bühnenbild perfekt. Für die detailgetreue Nachbildung der Berge werden Zeichnungen von Whymper, so wie er die Landschaften damals skizziert hat, genutzt.

Franz Blumauer entwarf Kostüme die dem Stil der 1870er Jahre entsprechen und legt dabei auch auf kleine Details, wie einer Brille bei der intelligent belesenen Fabrikantentochter Olivia Buckingham, wert. Einerseits erkennt man klar den viktorianischen Stil der englischen Aristokratie aus der damaligen Zeit, als auch den Walliser Trachtenstil der einheimischen Bevölkerung des Mattertals, welcher farbenfroh daherkommt. Eine Besonderheit ist das Kostüm des Berggeistes Orka, welches an eine indische Göttin erinnert. Dies ist sicher auch dem Einfluss von Regisseur Shekar Kapur zu verdanken.

„Du bist mein, mein Berg, mein Leben“ – Das sind die Worte, die Edward Whymper an das Matterhorn richtet. Es ist eine tiefgründige Besessenheit die Whymper antreibt. Er will den Berg bezwingen und ist getrieben von seinem Ehrgeiz, als Erster seinen Fuss in den jungfräulichen Schnee auf dem Matterhorn zu setzen. Um keinen Preis will er Carrel den Triumph der Erstbesteigung gönnen und startet seinen Aufstieg von der riskanten Schweizer Seite aus. Oedo Kuipers verkörpert die Rolle des jungen Edward Whymper in Perfektion, da er diese innerliche Sehnsucht glaubhaft darstellt. Seine ausdrucksstarke Gesangsstimme interpretiert unter anderem den Song „Weit oben“ eindrücklich.

Oedo Kuipers, Lisa Antoni / Bild: Andreas J. Etter

Olivia, die junge Tochter des Seilfabrikanten John Buckingham, hat eine Vorahnung, dass die Unternehmung in einer Tragödie endet. Ihre Gefühle für Edward Whymper sind echt, doch werden diese erwidert? Unglücklich über die Verlobung mit dem englischen Fabrikantensohn Robert Hadow, lehnt sich Olivia gegen ihren Vater auf. Als sie Whymper begegnet empfindet sie Sympathie für ihn, aber ihr Vater verbietet den Kontakt. Lisa Antoni gelingt der Spagat zwischen der wissbegierigen jungen Frau und der aufbegehrenden Tochter mühelos. Während sie „Olivias Alptaum“ mit kräftiger und eingängiger Stimme intoniert, punktet sie bei „Ich fühle Liebe für ihn“ mit einer gefühlvollen Stimmlage.

Ist sie Geist oder Mutter Natur in Persona? Die Hüterin des Berges Orka ist auf sonderbare Art menschlich und immer allgegenwärtig. Sie warnt und ist Richterin über das Schicksal der Menschen, die das Matterhorn bezwingen wollen. Diese starken Rollen scheinen wie geschaffen für Sabrina Weckerlin. Orka hält sich oft im Hintergrund und doch versteht es Weckerlin, durch ihre starke Bühnenpräsenz, ihre Figur nahbar zu machen. Ihre grossartige Soulstimme kommt bei ihrem Solo Song „Warum sind sie blind“ wunderbar zur Geltung und erhält Szenenapplaus.

Weit und breit ist der Italiener Jean-Antoine Carrel einer der besten Bergführer und so beschliessen Whymper und er gemeinsam von der italienischen Seite das Matterhorn zu erklimmen. Carrel kann allerdings einem finanziellen Angebot der italienischen Regierung, in Persona von Felice Giordano (stark, stimmlich auf hohen Niveau: Reinwald Kranner) nicht wiederstehen und macht sich mit einer italienischen Alpinistengruppe auf den Weg. Seine Geliebte Marcella Favre (erfrischend: Juliane Bischoff) zeigt nach der erfolglosen Rückkehr Carrels ihr wahres Gesicht und lässt sich mit Giordano ein, denn „Versager“ Carrel ist für sie nicht mehr interessant. Als geldgierigen Frauenhelden erlebt das Publikum Benjamin Oeser, der seiner Rolle genau diesen Stempel des wankelmütigen Bergführers aufdrücken kann. Luc Meynet ist ein buckliger Krüppel, der von Carrel schlecht behandelt wird und vergebens auf seinen Lohn wartet. Er ist überzeugt, dass der Berg böses bereithält und warnt Whymper vor dem Aufstieg. Mit seinen hohen Tönen begeistert der Counter-Tenor Luigi Schifano mit seinen intensiven Soli und begeistert damit das Publikum.

Whymper schafft es den englischen Alpinisten Douglas zu überzeugen, gemeinsam mit den anderen den Aufstieg zu wagen. Trotz aller Warnungen brechen die Männer in den frühen Morgenstunden des 14. Juli 1865, unter der Führung von Peter Taugwalder sen. und jun. (Rollengerecht: Martin Kiuntke und Nicolo Soller), von Zermatt aus auf, um das Matterhorn zu bezwingen. Euphorisiert von ihrem Erfolg kommt es beim Abstieg zur Katastrophe, als der unerfahrene Hadow den Halt verliert und dadurch Douglas, Hudson und Croz mit in den Tod reisst. Die Fassungslosigkeit ist auch im Publikum spürbar. Diesen dramatischen und bedrückenden Moment spielen Marco Toth (Hadow), Timo Verse (Douglas), Samuel Tobias Klauser (Hudson) und Michael Souschek (Croz) authentisch.

Sabrina Weckerlin, Luigi Schifano / Bild: Andreas J. Etter

Um seine Seilfabrik von der Pleite zu retten, gibt es nur eine Rettung – die Heirat seiner Tochter mit dem reichen Fabrikantensohn Robert Hadow. Als es zu dem verhängnisvollen Absturz kommt, will John Buckingham nicht wahrhaben, dass sein besonders reissfestes Spezialseil die vier Männer nicht in der Wand halten konnte. Dean Welterlen verkörpert den verzweifelten Fabrikanten sowohl schauspielerisch als auch stimmlich, durch seine glaubhafte Darstellung, überzeugend. Das Ehepaar Seiler wittert das grosse Geschäft mit der Erstbesteigung des Matterhorns und beherbergt die Mitglieder des Alpine Clubs. Herrlich erfrischend interpretieren Patricia Hodell, die mit Schweizerdeutschen Worten für eine Prise Humor sorgt, und Ramin Dustdar das Hotelehepaar Seiler. Für den geistlichen Josef Rudden stellt die Veränderung im Dorf einen Frevel dar und so verbietet er den Rettungsversuch der verunglückten Bergsteiger, da diese an einem Sonntag stattfindet. Jon Geoffrey Goldsworthy verkörpert den mahnenden Geistlichen.

Am Ende erfährt man durch Erzählungen der Hauptfiguren Olivia Buckingham, Edward Whymper und Jean-Antoine Carrel wie ihr weiteres Leben verlaufen ist. Für „Matterhorn“ werden unterschiedliche menschliche Ereignisse miteinander verbunden. Einerseits wird aus dem verarmten Bergdorfs Zermatt die Hochburg des damaligen wetteifernden Alpinismus, was auch für die einheimische Bevölkerung eine Herausforderung war, und andererseits will man die Macht die dieser Berg, umgangssprachlich „Horu“ genannt, ausstrahlt verstehen. Diese Vielfalt der Handlungsstränge wird von dem Ensemble mit einer Spielfreude gezeigt, bei der es Freude macht zuzusehen. Die gelungene Darstellung aller Beteiligten honoriert das Publikum am Premierenabend mit Standing Ovation.

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