Licht und Schatten: „Tell“ in Walenstadt

Licht und Schatten: „Tell“ in Walenstadt

Am 18. Juli 2012 feierte das Musical „Tell“ auf der Seebühne im schweizerischen Walenstadt seine Uraufführung. Landvögte unterdrücken Ende des 13. Jahrhunderts die Landbevölkerung um den Vierwaldstättersee. Das Volk setzt sich zur Wehr und erneuert auf dem Rütli den alten Bund. Der Mythos um Wilhelm Tell entstand Ende des 15. Jahrhunderts. In Walenstadt ist das Stück jedoch Ende des 19. Jahrhunderts angesiedelt. Warum das vom Kreativteam so beschlossen wurde, bleibt genauso ungeklärt wie die Frage, warum diese Schweizer Geschichte in Hochdeutsch aufgeführt wird.

Ensemble "Tell" (Volk der Waldstätte)
Ensemble „Tell“ (Volk der Waldstätte)

Hans Dieter Schreeb (Textbuch) präsentiert Tell allerdings nicht als Schweizer Nationalhelden, sondern erzählt die Geschichte auf eine neue und unbekannte Weise. Wilhelm Tell ist hier der einfache Jäger, Ehemann und Vater. Durch die Bekanntheit des Stoffes fehlt es dem Stück aber an Spannung, wodurch auch die eine oder andere Szene etwas zu langatmig geraten ist.

Die Kostüme von Armin Werner und Maske von Claudia Palopoli sind passend zum gewählten Zeitalter der Inszenierung und lassen die Klassenunterschiede zwischen Landbevölkerung und Adel gut erkennen. Imposant ist das Bühnenbild von Christoph Weyers aus Naturholz und Stein, das sich wunderbar in die Kulisse aus Churfirsten und Walensee integriert.

Tell will nur für seine Familie da sein und interessiert sich nicht im Geringsten für Freiheitskampf und Machtspiele. Stellvertretend für die Obrigkeit soll das Volk Gesslers Hut grüßen – dies geht Tell jedoch zu weit, und so verweigert er den Gruß. Zur Strafe zwingt ihn Gessler, einen Apfel vom Kopf seines Sohnes Walter zu schießen. Durch die Ermordung Gesslers in der hohlen Gasse wird Tell zum Held des einfachen Volkes. Fabian Egli zeigt als Tell eine beeindruckende Leistung. Sein klangschöner Bariton unterstützt wunderbar die menschlichen Charakterzüge des Tell. Pia Lustenberger, besorgte Mutter Walter Tells (Anette Huber) und sorgsame Ehefrau, kann mit klarer Stimme überzeugen.

Bruno Grassini als Gessler
Bruno Grassini als Gessler

Boshaft und brutal unterdrückt Reichsvogt Gessler die Landbevölkerung rund um den Vierwaldstättersee. Innerlich ist Gessler allerdings eine unsichere und ängstliche Person. Schauspielerisch gelingt Bruno Grassini dieser Spagat hervorragend – zudem kann er mit energiegeladener Stimme aufwarten. Buch- oder regiebedingt ist Johann von Schwaben – immerhin Habsburger Thronanwärter – in dieser Produktion zeitweise ein eher komisch anmutender als ernst zu nehmender Charakter. Partric Scott gelingt es, aus dieser eher unglücklichen Rolle noch das Beste herauszuholen.

Freiherr von Attinghausen (Florian Schneider), Walter Fürst (Christoph Wettstein) und Arnold von Melchtal (Olivier Frischknecht) kämpfen gegen die Unterdrückung des Reichsvogts. Unterstützt werden sie dabei von Werner Stauffacher (Wolfgang Grindemann), der beim Volk beliebt ist, aber von Zweifeln geplagt wird, diesen Weg zu gehen. Gestärkt durch seine Ehefrau Gertrud Stauffacher (stark gespielt von Sylvia Heckendorn), trifft er letztendlich die richtige Entscheidung.

Samuel Tobias Klauser zeigt als Ulrich von Rudenz (Neffe von Attinghausen) eine durchweg solide Leistung. Erst als von Rudenz sich gegen Gessler entscheidet und für sein Volk kämpft, gelingt es ihm, das Herz von Berta von Brunek (Eveline Suter mit klangschöner Stimme) zu gewinnen. Für einen heiteren Moment, von dem man sich mehr im Stück wünscht, sorgt Cécile Gschwind als Frau von Bruneck, die ihrer Tochter jeglichen Umgang mit dem Volk zu untersagen versucht.

Ensemble "Tell" Burgenaufstand
Ensemble „Tell“ Burgenaufstand

Choreograf Christopher Tölle ersetzte kurze Zeit vor der Premiere Regisseur Nico Rabenald, der die Produktion vorzeitig wegen künstlerischer Differenzen verlassen hat. Bis auf einige kleine Ungereimtheiten ist die Regiearbeit jedoch äußerst gelungen. Warum aber zum Beispiel Johann von Schwaben nach der Ermordung seines Onkels bei Tell Barmherzigkeit sucht und abgewiesen wird, bleibt ein Rätsel – zumindest in der Art und Weise, wie die Szene in Walenstadt dargestellt wird. Andererseits hinterlassen die beeindruckende Apfelschussszene sowie der Burgenaufstand einen bleibenden Eindruck. Dazu trägt auch das perfekt zum Stück und Bühnenbild passende Lichtdesign von Rüdiger Benz bei.

Musikalisch bietet „Tell“ wunderbare Soli, harmonische Duette und große Ensemblenummer, und dennoch ist es Marc Schubring (Musik) und Wolfgang Adenberg (Liedtexte) nicht gelungen, einen wirklichen Ohrwurm zu liefern. Aufgrund des großartig agierenden Ensembles ist das Stück aber trotz kleinerer Schwächen durchaus sehenswert.

Fotogalerie:
Fotogalerie zu „Tell“, Freilichtbühne Walenstadt

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