Kurz nachgefragt: Nic Greenshields als Inspektor Javert in „Les Misérables“

Kurz nachgefragt: Nic Greenshields als Inspektor Javert in „Les Misérables“

In der aktuellen Tour von «Les Misérables» spielt Nic Greenshields Inspektor Javert. Er studierte am Laine Theatre Arts in Surrey und spielte nach seinem Abschluss unter anderem in «Young Frankenstein», «Guys and Dolls», «Billy Elliot», «Wonderful Town» und in «The Phantom of the Opera». In verschieden Produktionen hat er Regieerfahrungen gesammelt wie in «School of Rock» als Resident Director, «Guys and Dolls» als Assistant Resident Director und als Regisseur in «Stars in the Round». Wenn er sein eigenes Ende von «Les Misérables» schreiben könnte, würde er Javert nicht sterben lassen und ihm die Chance geben, seinen Frieden zu finden. Im Rahmen des Presscall von «Les Misérables» in Zürich habe ich bei Nic Greenshields «Kurz nachgefragt».

Nachdem Valjean aus dem Gefängnis entlassen wurde, wird er immer noch von Javert verfolgt. Was sind Ihrer Meinung nach das persönliche Motiv und warum findet Javert keinen Frieden?

Javert wurde selbst in einem Gefängnis geboren. Seine Mutter war eine Wahrsagerin und sein Vater arbeitete auf einer Gefängnisgaleere. Er stammt aus der gleichen Welt wie Valjean und hat etwas aus seinem Leben gemacht. Als Inspektor ist er Hüter des Gesetzes und sieht Menschen wie Valjean als Gesetzesbrecher. In seiner Haltung ist er sehr hart und verflogt jene, die das Gesetz brechen, um sie zurück ins Gefängnis zu bringen. Valjean hat 19 Jahre in Ketten verbracht und bricht mit seinen Bewährungsauflagen. Javert will ihn dafür wieder ins Gefängnis bringen und so beginnt dieses Katz und Maus Spiel – Javert kann nicht aufgeben, bis er Valjean wieder vor Gericht bringt und sicherstellt, dass er in Gefängnis geht. Es zerfrisst ihn innerlich, aber es ist wie ein Teil seiner DNA. Was ihn zusätzlich antreibt ist die Tatsache, dass er Valjean immer nur fast erwischt und dieser ihm immer wieder entkommen kann. Für Javert gibt es eine Linie, diese ist fix und wer diese Linie überschreitet, sollte vor Gericht gestellt werden. Es ist eine Art Zwangsvorstellung und er ist ein zwanghafter Charakter und von Valjean diesbezüglich besessen. Am Ende hat Valjean einen Laib Brot gestohlen – ein Verbrechen, für welches man heute nicht mehr eingesperrt wird, aber damals sass er dafür fünf Jahre und dann noch einmal 15 Jahre für den Versuch zu fliehen. Es ist traurig, wenn man glaubt, dass ein Mann dafür ins Gefängnis kommen kann. Javert sieht hier aber nur das Verbrechen und nicht den Mensch dahinter. Für ihn ist es ein überschreiten dieser Linie und somit in seinen Augen ein Bruch mit dem Gesetz. Als er Valjean auf den Barrikaden endlich erwischt und dieser im Kampf dann die Oberhand gewinnt, zeigt ihm Valjean, dass es im Leben nicht nur eine Linie gibt. Es gibt oft zwei Linien und man muss Mitgefühl zeigen. Das bringt Javert dazu, über seine eigenen Handlungen nachzudenken, was letztlich zu seinem Untergang führt.

Was ist für Sie persönlich die emotionalste Szene im Stück?

Die emotionalste Szene für mich ist Javerts Selbstmord, welches das tragische Ende seiner Geschichte ist. Valjean hatte die Gelegenheit, ihn zu töten: „Los und erschiess mich, es ist mir egal“, und Valjean sagte: „Nein, wir sind Männer und ich bin nicht schlechter als Sie, obwohl unsere Geschichten verschieden sind“. Valjean zeigt ihm, dass man verzeihen kann. Ein Gefühl das er nicht kennt. Dies löst bei Javert eine Art Schneeballeffekt aus, und er setzt sich mit den Dingen auseinander, die er in seinem Leben getan hat. Dies bringt ihn an einen Punkt, an dem es keinen Weg zurück gibt. Er kann sich nur noch das Leben nehmen, weil er mit der Art von Leben, welches Valjean ihm gezeigt hat, nicht umgehen kann.

Wie würden Sie den Charakter von Valjean in Ihren eigenen Worten beschreiben?

Oh, ich hoffe, dass ich ihm als Person nicht allzu ähnlich bin (lacht). Ich halte ihn für einen sehr interessanten Charakter. Als gute Menschen sind wir freundlich, orientieren uns an bestimmten Werten und kommen nicht mit dem Gesetz in Konflikt. Ich selbst hatte noch nie Ärger mit der Polizei. Entscheidend ist, wie wir als Kinder aufgewachsen sind und wie wir erzogen wurden. Dies spiegelt sich bei uns im Leben als Erwachsene. Ich versuche ihn als Mensch zu betrachten der im Gefängnis geboren wurde, wie die Umstände waren und wie das Leben für ihn begann. Diese Umstände haben ihn vielleicht dazu gebracht alles zu hassen, was nicht dem Gesetz entspricht und daher kommt eventuell auch seine Art der Besessenheit. Er dezimiert die Menschen und deren Lebensstil auf den Bereich, in den er hineingeboren wurde und hasst diese Menschen automatisch. Jeder der Valjean unterstützt, fällt für ihn in die Kategorie Gesetzesbrecher. Er lässt all seine Wut an solchen Menschen aus. Ich habe versucht auf das zu achten und ihn gleichzeitig nicht nur als gewalttätigen Gesetzeshüter darzustellen, denn es gibt andere Seiten an ihm. Es ist ein sehr interessanter Charakter und ich liebe es ihn zu spielen.

Wenn Sie ihr eigenes Ende der Geschichte von «Les Misérables» schreiben könnten, wie würde es aussehen?

Automatisch würde ich sagen, dass Javert sich nicht das Leben nehmen soll, sondern dass er Vergebung findet und anderen vergeben kann – so wie Valjean ihm vergeben hat. Im Laufe des Stücks sind viele Menschen gestorben. Valjean ist am Ende der Geschichte wieder mit dem Bischof, Eponine, Fantine und all den Menschen vereint, die sein Leben während seiner Zeit auf der Erde berührt haben. Nur einer fehlt und das ist Javert. Offensichtlich ist er an einen anderen Ort oder in die Hölle gegangen. Es wäre schön, wenn er sich nicht das Leben nehmen würde. Es ist eine fantastische Szene in der Show. Wenn Sie sie nicht wissen wie es gemacht wird, dann ist es eine brillante Art von Zaubertechnologie. Wir haben eine Menge spezieller Effekte während des Stücks, die man dann so natürlich nicht sehen würde. Generell sollten alle glücklich leben und nicht sterben.

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