Kurz nachgefragt bei Michael Flöth: Kapitän in meiner Badewanne

Kurz nachgefragt bei Michael Flöth: Kapitän in meiner Badewanne

Der Opernsänger Michael Flöth steht seit fast 40 Jahren auf Theaterbühnen im In- und Ausland und ist auch im Musicalgenre zu Hause. So wirkte er unter anderem schon in „Elisabeth“, „Spamalot“ und „20.000 Meilen unter dem Meer“ mit. Aktuell spielt er auf der Seebühne im schweizerischen Thun den Kapitän E.J. Smith im Musical „Titanic“. Die Rolle ist ihm vertraut, da er sie bereits vor zehn Jahren bei der deutschsprachigen Erstaufführung in Hamburg gespielt hat. Im Interview spricht er über diese Rolle, aber auch über die vergangenen zehn Jahre, neue Sichtweisen und andere Kapitänsrollen.

Als das Musical „Titanic“ im Jahr 2002 seine deutschsprachige Erstaufführung feierte, haben Sie bereits den Kapitän E.J. Smith verkörpert. Die Rolle haben Sie nun auch in Thun übernommen. Mittlerweile sind zehn Jahre verstrichen. Welche Erinnerungen haben Sie noch an Ihre Zeit auf der Hamburger Titanic?
Die grundlegende Charakterisierung ändert sich nicht. Die Person und die Handlung ist dieselbe. Ein deutlicher Unterschied ist allerdings die Atmosphäre. Es ist traumhaft, die Rolle nach zehn Jahren in dieser Umgebung, die sehr inspirierend ist, noch mal zu spielen. Eine der Previews wurde im Regen gespielt, und das war wunderbar. Der Regen hat uns die Natur noch näher gebracht. Wir sehen das Panorama ja nicht immer. Insofern wurde uns deutlich: Wir spielen mit der Natur.

In Thun spielen Sie mit einigen Kollegen, mit denen Sie auch in Hamburg auf der Bühne standen (z.B. Lucius Wolter, Jens Janke). Ein großes Wiedersehen also?
Natürlich! Das Theater ist eine Familie. Man sieht sich spätestens nach ein bis zwei Jahren in anderen Produktionen wieder, spielt andere Rollen und wird dadurch reifer. In Thun spielen die Kollegen ja auch andere Rollen. Daher war es für sie – im Gegensatz zu mir, der dieselbe Rolle noch mal spielt – eine besondere Situation, da sie die neuen Rollen kreieren mussten.

Sie haben es schon erwähnt: Während einige Ihrer Hamburger Kollegen in Thun nun andere Rollen übernommen haben, spielen Sie wieder die gleich Rolle wie schon vor zehn Jahren. Ist Ihnen diese Rolle ans Herz gewachsen? Was verbinden Sie mit der Rolle, oder besser gesagt: Was verbinden Sie mit dem echten E.J. Smith?
In vielen Interviews und Gesprächen wurde immer auch nach der besonderen Schuld des Kapitäns gefragt, weniger nach der Verantwortung anderer. Unter Berücksichtigung aller Umstände, die zur Tragödie führten, kann man durchaus behaupten, dass die Titanic nicht das Schicksal ereilt hätte, wenn sich nur eine der vielen Ursachen nicht ereignet hätte. Hierzu nur ein Beispiel: Ein Mitarbeiter hatte aus Verärgerung über seine Kündigung vor dem Ablegen der Titanic die beiden Ferngläser versteckt. Hätte der Ausguck aber ein Fernglas im Krähennest gehabt, wäre der Eisberg früher gesichtet worden. Hätte der 1. Offizier Murdock daraufhin nicht den Befehl „Volle Kraft zurück“ erteilt, wäre das Schiff nicht mit dem Eisberg kollidiert.In der Originalfassung kommt noch stärker zur Geltung, dass dem 1. Offizier das nötige Selbstvertrauen fehlt, ein eigenes Schiff zu führen. Das ist ja auch der Grund, weshalb der Kapitän ihm zur Stärkung seines Selbstbewusstseins in der Unglücksnacht das Kommando überträgt. In meiner Darstellung versuche ich, das Eingeständnis der Mitschuld durch die emotionale Anteilnahme am Schicksal der Passagiere und Besatzung aufzuzeigen. In der Hamburger Inszenierung hatte ich noch durchgesetzt, dass ich im Moment des Untergangs auf der Brücke zu sehen bin, quasi bewusst in den Tod gehe. Das ist auch  die Verbundenheit mit der Rolle – Verantwortung zu tragen. Und die Verbundenheit mit dem Kapitän E.J. Smith? Es ist sein Humor und seine Freude an der Kommunikation.

Gehen Sie jetzt anders an Ihre Rolle heran als noch vor zehn Jahren? Haben Sie vielleicht sogar einen anderen Blick auf das Stück und Ihre Rolle?
Nein, das Wesentliche ist geblieben. Da war ich auch mit dem Regieteam in Bezug auf die Charakterisierung der Figur einig. Aber es hat sich insofern einiges geändert, da die Dimension eine andere ist – das Spielen unter freiem Himmel. Die Natur hat doch einen großen Einfluss, und deshalb muss man den Text auch anders gestalten als in einem Theater. Ich hoffe, dass man das  auch entsprechend erkennt.

Mal abgesehen davon, dass in Thun open-air gespielt wird: Was sind für Sie die größten Unterschiede zwischen den Inszenierungen in Hamburg und Thun?
Ich möchte darauf mit dem typisch makabren, englischen Humor antworten: Es ist hier in den Alpen wesentlich leichter als in Hamburg, einen Eisberg zu treffen.

Ist es nicht ein schweres Unterfangen, den Untergang des wahrscheinlich berühmtesten Schiffs der Welt auf eine Musicalbühne zu bringen?
Es liegt wohl im momentanen Trend, nicht nur berühmte Ereignisse, sondern auch berühmte Personen auf die Musicalbühne zu bringen. Das verbindende Element wird immer das menschliche Schicksal sein und die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Und das ist kein schwieriges Unterfangen – das ist das Ziel des Theaters!

Das Musical „Titanic“ hat mit dem gleichnamigen Film von James Cameron nicht viel gemeinsam – mal abgesehen von der Katastrophe an sich. Fluch oder Segen?
Für diejenigen, die neugierig sind, Handlungen durch die Kraft der Musik tiefer erleben zu wollen und die wahre Geschichte sehen möchten, ist es ein Segen.

Sie spielen nun zum zweiten Mal den Kapitän der Titanic, standen zwischenzeitlich auch als Kapitän Nemo im Musical „20.000 Meilen unter dem Meer“ auf der Bühne. Ist das Zufall oder wollten Sie schon immer mal Kapitän spielen?
Hinzu kommt ja auch noch die neue NDR-Fernsehserie „Jümmer Justizgeschichten“, die seit Dezember 2011 produziert wird. Auch hier spiele ich einen Kapitän. Aber in der Tat ist das wohl eher Zufall. Denn bis zur Hamburger „Titanic“-Inszenierung war ich nur in meiner Badewanne Kapitän.

Interview: Iris Steger & Dominik Lapp

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