«Ich war noch niemals in New York» goes Comic – Neuinszenierung des Hitmusicals auf der Thuner Seebühne

«Ich war noch niemals in New York» goes Comic – Neuinszenierung des Hitmusicals auf der Thuner Seebühne

Die Geschichte des Musicals «Ich war noch niemals in New York» ist bekannt, der Musiker Udo Jürgens war ein Phänomen und die Songs sind ohne Frage legendär. Die Inszenierung des Musicals auf der Thuner Seebühne ist neu. 2007 feierte das Musical seine Uraufführung in Hamburg und ist im Sommer 2019 zum ersten Mal Open Air auf der Seebühne in Thun zu sehen.

Ensemble „Ich war noch niemals in New York“

Alles beginnt mit der grossen TV Show von Lisa Wartberg, welche ihre Mutter Maria am TV im Altersheim verfolgt. Die alte Dame hat Geburtstag, doch von ihrer Tochter bekommt sie weder einen Telefonanruf noch Blumen. Stattdessen erhält sie von ihrer Altersheim-Liebe Otto ein Geschenk – ein Comic-Buch, was ihre Sammlung vervollständigt. Beim Naschen der stibitzten Geburtstagstorte werden die beiden von der Heimleiterin Frau Mottechügeli erwischt. Wieder alleine nimmt Maria das Geburtstagsgeschenk von Otto zur Hand und fängt an zu Träumen.

Ensemble „Ich war noch niemals in New York“

In diesem Moment übernehmen Spider-Man, Captain America, Iron Man und Wonder-Woman & Co. das Geschehen und zusammen mit Maria taucht man in die Welt der Comic-Helden ein. Der Wechsel in die Comic-Welt geschieht nahtlos und ist eine gelungene Idee des Kreativ-Teams rund um Regisseur Werner Bauer. Diese Comic-Welt wiederspiegelt sich in den Kostümen, der Maske und der Ausstattung. Gabriel Barylli (Buch) und Christian Struppeck (Co-Autor) haben eine unterhaltsame Geschichte geschrieben, die Situationen mitten aus dem Leben enthält und für gute Unterhaltung sorgt. Insgesamt ist das Buch allerdings wenig Tiefgang und die Story ist, nun ja, irgendwie vorhersehbar – getragen wird das Stück ganz klar von den starken Udo Jürgens Songs. Die temporeiche Choreografie von Kati Heidebrecht kommt vor allem in den Ensemble-Szenen wie „Schöne Grüße aus der Hölle“ richtig zur Geltung.

Kostümbildnerin Mareike Delaquis Porschka konnte bei der Umsetzung aus dem vollen schöpfen und der Kreativität freien Lauf lassen. Während in der realen Welt die Kostüme eher bieder daherkommen, sind sie in der Comic-Welt knallbunt mit kantigen Schnitten und Formen. Dies trägt massgeblich dazu bei, dass der Übergang in die Comic-Welt so klar ist. Wunderbar ergänzt wird dies durch das Masken- und Perückendesign von Ronald Fahm.

Ensemble „Ich war noch niemals in New York“

Marlen von Heydenaber schuf ein eindrückliches Bühnenbild und schliesst sich dieser Comic-Charakteristik nahtlos an – dominiert von einem überdimensionalen Kopf der New Yorker Freiheitsstatue. Altersheim, TV-Studio oder Reisebüro sind seitlich der Bühne platziert oder werden eingeschoben. Genauso wie die Hochzeitssuite auf dem Schiff, welche im Bühnenaufbau integriert ist. Zuerst im tristen Stil, verwandelt sich alles in eine bunt gezeichnete Comicwelt. Sprechblasen dienen zur Unterstützung einzelner Szenen. Schön ist, dass der Unterschied zwischen Wirklichkeit und Traumwelt klar im Bühnenbild zu erkennen ist und Kleinigkeiten wunderbar herausgearbeitet sind. Das Lichtdesign von Georg Spindler ist perfekt abgestimmt auf die jeweiligen Szenen und auch das Tondesign von Thomas Strebel ist gelungen.

Mit seinem spielfreudigen Orchester bringt der Musikalische Leiter Iwan Wassilevski die grossartigen Melodien schmissig zu Gehör. Ergänzt wird die Cast durch die hervorragenden Musical-Singers unter der Leitung von Patrick Secchiari.

Lisa Wartberg ist eine Powerfrau, ein Workaholic und schiebt für ihre Karriere alles andere beiseite. Bloss nicht auf irgendeine Gefühlsduselei einlassen. Als ihre Mutter mit Otto aus dem Altersheim ausbüxt, wird das Leben von Lisa ganz schön auf den Kopf gestellt. Kerstin Ibald, keine Unbekannte beim Thuner Publikum, verkörpert die Rolle perfekt. Arroganz gepaart mit Hilflosigkeit und einer Portion Witz. Wunderbar wie sie dieses hin und her in Lisa’s Gefühlswelt und die Entwicklung dieser Charakterrolle darstellt. Ihre ausdrucksstarke und gefühlvolle Stimme gefällt auf ganzer Linie.

Kerstin Ibald (Lisa Wartberg) & Patrick Imhof (Axel Staudach)

An Ibalds Seite ist Patrick Imhof, zuletzt in «Knie – Das Circus Musical» zu sehen, der ideale Bühnenpartner. Axel Staudach, ein erfolgreicher Wildtierfotograf ist unorganisiert, chaotisch und in Liebesangelegenheiten recht ungeschickt. Axel folgt den Spuren seines Vaters und landet mit seinem Filius Florian im gleichen Reisebüro wie Lisa. Obwohl sich beide nicht ausstehen können, müssen sie das gleiche Schiff erreichen, um ihre Eltern wieder im Altersheim abliefern zu können. Imhof verkörpert seine durch die Gefühlswelt schlitternde Rolle Axel überzeugend und punktet mit seinem warmen kräftigen Bariton. Zu erwähnen ist ebenfalls Jeremy Birchmeier als Florian, der seine Rolle mit viel Spielfreude ausgefüllt.

Fred und Costa, ein schwules Pärchen, sind Lisa’s rechte und linke Hand. Sie sind Seelentröster, Zuhörer, Mädchen für alles und halten der Fernsehmoderatorin den Rücken frei. Buchbedingt haben Fred und Costa die Lacher auf ihrer Seite, was Nils Klitsch als Fred und Steven Armin Novak als Costa wunderbar gelungen ist. Die Pointen waren auf den Punkt und die Wortverdreher mit griechischem Akzent von Novak sorgten für Lacher im Publikum. Die Interpretation des Songs «Ein ehrenwertes Haus» gefällt, auch wenn man sich da von der Regie noch einen Tick mehr Profil und Tiefe wünschte.

Angela Hunkeler (Frau Mottechügeli), Sabine Martin (Maria Wartberg & Hans B. Goetzfried (Otto Staudach)

Immer unter den Fittichen von Frau Mottechügeli (Klasse: Angela Hunkeler) möchten Maria und Otto nichts wie raus aus dem Altersheim. Getreu dem Motto des Songs «Ich war noch niemals in New York»: «…einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen…». Doch leichter gesagt als getan, wenn einem zum Geburtstag noch nicht einmal eine Stück Torte gegönnt wird. Sabine Martin und Hans B. Goetzfried füllen ihre Rollen mit Gefühl, Ausdruck und ansteckender Energie. Den beiden gehören neben witzigen Elementen, wie das Versteckspiel in der Hochzeits-Suite, vor allem auch die berührenden Momente.

Wettertechnisch hoffte man, dass Petrus ein Einsehen hatte und die Wetter-App nicht ganz so genau war. Dieser hatte allerdings zu Beginn der Vorpremieren-Vorstellung anderes im Sinn und so wurden die ersten knapp 15 Minuten bei strömenden Regen gespielt. Das Publikum hüllte sich in Regenponchos oder -kleidung und trotzte wie das Ensemble dem anfänglichen Schauspiel am Himmel. Ein spielfreudig agierendes Ensemble bescherte den Zuschauern einen unterhaltsamen und kurzweiligen Abend. Das begeisterte Publikum würdigte die Vorstellung mit minutenlangem Applaus und stehenden Ovationen.

Fotogalerie zu „Ich war noch niemals in New York“ in Thun, 2019

Die Kommentare sind geschloßen.