Amüsant, Unterhaltsam und Zeitlos: „Don Camillo & Peppone“ St. Gallen

Amüsant, Unterhaltsam und Zeitlos: „Don Camillo & Peppone“ St. Gallen

Am 30. April 2016 feierte „Don Camillo & Peppone“ als Musical von Michael Kunze (Buch & Liedtexte) und Dario Farina (Musik) am Theater St. Gallen Weltpremiere. Die Geschichte spielt im ländlichen Italien kurz nach dem zweiten Weltkrieg und basiert auf den 1948 erschienen Kurzgeschichten-Sammlungen des italienischen Schriftstellers Giovannino Guareschi. Im Jahr 1952 erschien mit „Don Camillo & Peppone“ der erste Film der erfolgreichen fünfteiligen italienisch-französischen Filmreihe.

Ensemble, Frank Winkels | Foto: Andreas J. Etter
Ensemble, Frank Winkels | Foto: Andreas J. Etter

Der Wahlsieg der Kommunisten wird auf der Piazza von Boscaccio ausgiebig gefeiert. Dem Dorfpfarrer Don Camillo sind die neuen politischen Verhältnisse ein Dorn im Auge, denn er fürchtet um seine Schäfchen. Zur Eskalation kommt es als Peppone, seines Zeichens neuer Bürgermeister, seinen Sohn auf den Namen Lenin taufen lassen will. Nicht nur die Streitereien zwischen Don Camillo und Peppone beschäftigen die Bürger des Dorfes, sondern auch die Liebe zwischen Gina, Tochter des reichen katholischen Landgutbesitzers Filotti, und Mariolino, Sohn des Kommunisten Brusco. Als anhaltender Regen den Fluss über die Ufer treten lässt, kann ein „Wunder“ schlimmeres verhindern. Das Hochwasser hat jedoch die Ernte zerstört. Filotti will den Hof seines Pächters pfänden, allerdings ruft dieses Vorhaben einen Arbeiterstreik hervor. Wieder einmal müssen Don Camillo und Peppone unfreiwillig zusammenarbeiten, um Schlimmeres zu verhindern.

Maya Hakvoort (Die alte Gina / Erzählerin), Ensemble | Foto: Andreas J. Etter
Maya Hakvoort (Die alte Gina / Erzählerin), Ensemble | Foto: Andreas J. Etter

Michael Kunze ist es wunderbar gelungen, die Buchvorlage von Guareschi Musicaltauglich zu machen. Das Stück ist eine ausgewogene Mischung aus Ernsthaftigkeit, Humor und Witz mit einem Schuss Aktualität. Eine wunderbare Idee ist die Figur der alten Gina, die den Bezug zur heutigen Zeit darstellt und so das Publikum auf ihre Geschichte zurückblicken lässt. Dies ermöglicht eine Erzählweise in unterschiedlichen zeitlichen Ebenen. Die Musik von Dario Farina ist abwechslungsreich – Pop Rock Melodien, teilweise gespickt mit lateinamerikanischen oder dezenten sakralen Klängen sowie einem leichten Hauch von Schlager – einfühlsame Balladen, rhythmische Ensemblenummern und Solis, tragen das Stück wunderbar (vielfältige Orchestrierung: Koen Schoots). Der Musikalische Leiter Robert Paul dirigiert die Band sicher und schwungvoll durch die Partitur.

Das Bühnenbild von Peter J. Davison stellt eine italienische Piazza auf zwei Ebenen da. Auf der linken Seite der zweiten Ebene hat die 14-köpfige Band ihren Platz gefunden und wird damit Teil der Geschichte. Weitere Ergänzungen, alle mit viel Liebe zum Detail, bieten die Bühnenelemente aus dem Schnürboden. So verwandelt sich die Piazza mal in die Kirche von Don Camillo, mal in ein Klassenzimmer oder in eine mit Bäumen umsäumte Flusslandschaft. Während der Kirchturm als drehbares Element in die Bühnenmitte gefahren wird, werden einzelne Requisiten wie Schul- und Kirchenbänke von den Darstellern im Bühnenbild platziert. In Kombination mit dem stimmigen Lichtdesign von Michael Grundner, den Kostümen im Stil der 50er Jahre Nachkriegszeit von Yan Tax und den lebendig wirkenden handgespielten Tierpuppen (drei Katzen und ein Hund) von Stefan Fichert ergibt sich ein harmonisch ergänzendes Gesamtbild.

Andreas Lichtenberger und Frank Winkels | Foto: Andreas J. Etter
Andreas Lichtenberger und Frank Winkels | Foto: Andreas J. Etter

Die Regie von Andreas Gergen zeichnet sich durch seine Vielschichtigkeit aus. So ist es ihm wunderbar gelungen das hier und heute der alten Gina mit der Geschichte von damals zu verbinden. Nicht nur den Hauptrollen, sondern auch den Nebenfiguren schenkt er die nötige Aufmerksamkeit. Die schwungvolle Choreografie von Dennis Callahan ergänzt die gelungene Regiearbeit und bringt Leben in die Inszenierung. Aufgrund der Vielzahl der choreografierten Szenen leidet ein wenig die Abwechslung der einzelnen Bewegungsabläufe.

In den Zwiegesprächen mit Jesus (Stimme: Marlon Wehmeier) scheint es, dass sich Don Camillo immer wieder die Absolution für sein Vorgehen einholen möchte. Noch lieber regelt er die Dinge auf seine Art und dabei fliegen auch schon mal die Fetzen. Andreas Lichtenberger zeigt als Don Camillo eine überzeugende Darstellung und interpretiert die Songs mit seiner kraftvollen wohlklingenden Baritonstimme. Ein wunderbarer Gegenpart, gibt Frank Winkels als kommunistischer Bürgermeister Peppone. Immer wieder geraten sich die beiden, wegen ihrer unterschiedlichen Ansichten, in die Haare. Letzten Endes müssen sie aber einsehen, dass sie aufeinander angewiesen sind, um das Dorf vor schlimmeren zu bewahren. Winkels markante Stimmführung und die Interpretation seiner Darbietung lässt keine Zweifel aufkommen, dass er die Rolle voll und ganz verinnerlicht hat.

Jaqueline Reinhold (Gina) und Kurosch Abbasi (Mariolino) | Foto: Andreas J. Etter
Jaqueline Reinhold (Gina) und Kurosch Abbasi (Mariolino) | Foto: Andreas J. Etter

Das seine Tochter Gina sich ausgerechnet in den kommunistischen Landarbeiter Sohn Mariolino verliebt, bringt den katholischen Grossgrundbesitzer Filotti auf die Palme. Zumal der junge Mann auch noch der Sohn seines Intimfeindes Brusco ist. Die Fehde zwischen den Familien involviert die ganze Dorfbevölkerung. Erst als die beiden Verliebten in ihrer Not eine verzweifelte Entscheidung treffen und in letzter Minute gerettet werden können, bringt dies die Bevölkerung wieder zur Vernunft. Reinhard Brussmann (Filotti), Thorsten Tinney (Brusco), Jaqueline Reinhold (Gina) und Kurosch Abbasi (Mariolino) agieren gesanglich und schauspielerisch auf hohem Niveau.

 

Maya Hakvoort ist als alte Gina der heimliche Star des Abends. Mit gefühlvoller Stimme und starker Bühnenpräsenz mimt sie die alte Dame, die auf ihr ereignisreiches Leben zurückblickt. Eine herrliche Komponente ist Walter Andreas Müller als Nonno, dem plötzlich gar nicht mehr nach sterben zu Mute ist, als er der jungen attraktiven Lehrerin Laura Castelli (Wunderbar: Femke Soetenga) begegnet. Die Lacher hat WAM definitiv auf seiner Seite. Herrlich!

Ein durchweg stark und harmonisch agierendes Ensemble steht bei „Don Camillo & Peppone“ auf der Bühne. Das Publikum spendete zu Recht minutenlang Standing Ovation. Einmal mehr eine sehenswerte Inszenierung in St. Gallen.

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