Sehenswert: „Charlie and the Chocolate Factory“ in London

Sehenswert: „Charlie and the Chocolate Factory“ in London

Das Kinderbuch „Charlie and the Chocolate Factory“ von Roald Dahl („Matilda“) gehört zu den englischsprachigen Klassikern, die Musicaladaption, die dieses Jahr in London zur Uraufführung gekommen ist, stammt von David Greig. Wie in vielen Kinderbüchern ist auch in diesem die Fantasie fast grenzenlos, und so ranken sich allerlei Geschichten um die Schokoladenfabrik von Willy Wonka. Zusammen mit seinen Eltern und Großeltern lebt der kleine Charly Bucket in einer Hütte unter ärmlichen Verhältnissen.

Charlie and the Chocolate Factory

Immer wieder lässt er sich von seinen Großeltern die Geschichte um die Wonka-Schokoladenfabrik erzählen. Niemand hat bisher die Fabrik von innen gesehen. Als der Besitzer Willy Wonka eines Tages bekannt gibt, dass er weltweit in fünf Tafeln goldene Tickets versteckt hat, mit welchen man die einmalige Chance hat, eine Führung durch die Fabrik zu gewinnen, ist die Schokolade fast überall ausverkauft.

Bald stehen die ersten Gewinner fest und die Chancen für Charly schwinden. Eigentlich bekommt dieser zum Geburtstag immer eine Tafel Schokolade von seinen Eltern geschenkt, doch in diesem Jahr reicht das Geld nicht, um ihm diesen Wunsch zu erfüllen. Retter in der Not ist Großvater Joe, der sein ganzes Erspartes opfert, damit Charly sich die Tafel Schokolade kaufen kann – leider ohne goldenes Ticket. Doch dann findet er auf der Straße Geld und kauft sich nach langem überlegen eine Tafel Schokolade.

Regisseur Sam Mendes ist kein Unbekannter und hat unter anderem für „American Beauty“ einen Oscar gewonnen. Ihm gelingt mit dem Musical „Charlie and the Chocolate Factory“ eine durchweg schöne Umsetzung des Buches. Ein guter Einfall ist die Bekanntgabe der Gewinner eines goldenen Tickets in übergroßen Fernsehgeräten. Dies sorgt für reichlich Unterhaltung und einige Lacher im Publikum.

Im zweiten Akt flacht die Handlung buchbedingt zwar etwas ab, aber Mendes schafft es, den Erzählbogen interessant zu halten. Peter Darlings Choreografie ist unterhaltsam und sorgt für wirkungsvolle Momente auf der Bühne. Besonders gefallen die Auftritte der zwergenartigen Arbeiter in Willy Wonkas Schokoladnefabrik, die Oompa-Loompas genannt werden. Mit viel Liebe zum Detail hat Mark Thompson (Bühnenbild und Kostüme) eine Fantasiewelt geschaffen, in die man problemlos eintauchen kann – genial, wie ein gläserner Aufzug in das Stück integriert ist und über die Bühne schwebt.

Charlie and the Chocolate Factory

Mark Shaiman (Musik und Liedtexte) und Scott Wittman (Liedtexte), die auch für die Musik von „Hairspray“ verantwortlich zeichnen, bedienen unterschiedliche Genres. Die Lieder gehen durchaus ins Ohr – allerdings nur kurz, denn es fehlt der gewisse Ohrwurmcharakter. Einzig das Lied „Pure Imagination“ setzt sich so richtig im Gehörgang fest – ausgerechnet die Nummer, die nicht Shaiman und Wittman, sondern Leslie Bricusse und Anthony Newley geschrieben haben. Danny Whitby dirigiert das Orchester sicher und sauber durch die Vorstellung. Ein satter und wohlklingender Klang ertönt aus dem vollbesetzten Orchestergraben – eine wahre Freude, den Musikern zuzuhören.

Die Kinder in dem Stück sind allesamt fantastisch. Allen voran der zwölfjährige Jack Costello als Charlie Bucket. Eindrücklich, wie er in diesem Alter seiner Figur schon die entsprechende Kontur verleiht und sich mit klangschöner kindlicher Stimme durch das Stück singt. Augustus Gloop, ein weiterer Gewinner eines goldenen Tickets wird von dem elfjährigen Alexzander Griffiths gespielt. Verfressen und vor lauter Gier besiegelt ein Fall ins Schokoladenbad schon sehr bald sein Schicksal in Wonkas Fabrik. Die elfjährige Matilda Belton spielt die verwöhnte und habgierige Veruca Salt herrlich überspitzt. Mit einem schrillen Schrei und jeder Menge Zickereien bekommt sie von Daddy jeden Wunsch erfüllt. Allerdings bleiben ihr die Eichhörnchen, die Haselnüsse in Wonkas Fabrik sortieren, verwehrt, denn diese sind so gar nicht gewillt, Kuscheltierchen abzugeben.

Die ehrgeizige und sture Violet Beauregarde wird von der zwölfjährigen Lauren Halil gespielt. Trotz der Warnung Willy Wonkas kaut sie einen Kaugummi, den sie besser nicht hätte auswählen sollen. Als lebendiger Blaubeer-Luftballon schwebt sie davon. Der elfjährige Jay Heyman spielt den nach Computerspielen süchtigen Mike Teavee, der seiner Mutter gehörig auf der Nase rumtanzt. Im Fernsehraum von Wonkas Fabrik ignoriert er alle Warnungen und endet durch einen Teleporter als Miniausgabe in einem Fernseher.

Ist er Schokoladenfabrikbesitzer, der auf eine besondere Art einen Erben für seine Fabrik sucht oder ist er der freundliche Penner vom Schrottplatz, auf dem Charly seine Mitbringsel sucht? Oder sind beide Personen ein und dieselbe? Als Willy Wonka zeigt Douglas Hodge eine hervorragend Darbietung und gefällt vor allem durch die Art seines Schauspiels, seine starke Bühnenpräsenz und durch seine sanfte wohlklingende Stimme. Die Eltern von Charly wollen nur das Beste für ihren Sohn. Als sie ihm sagen müssen, dass er in diesem Jahr auf sein Geburtstagsgeschenk verzichten muss, fühlt man richtig mit. Sherrie Pennington und Jack Shalloo zeigen eine berührende Darstellung als Mrs. und Mr. Bucket. Nigel Planer agiert als fürsorglicher Großvater Joe, der Charly auch zur Führung durch die Fabrik begleitet, durchweg solide und einfühlsam.

Auch Opa George (Billy Boyle), Oma Josephine (Roni Page) und Oma Georgina (Myra Sands) bestärken Charly darin, nicht aufzugeben, und trösten ihn, als weitere Gewinner bekannt gegeben werden. In weiteren Rollen sind Ross Dawes (Mr. Salt), Paul J. Medford (Mr. Beauregarde) und Iris Roberts (Mrs. Teavee) zu sehen. Durch ihre komödiantische Darstellung der Mrs. Gloop sticht zudem Jasna Ivir, die man auch schon in Deutschland unter anderem in „Mamma Mia!“ gesehen hat, sehr positiv hervor. Herrlich, wie sie die überfürsorgliche Mutter des dicken Augustus gibt!

Insgesamt ist „Charly and the Chocolate Factory“ ein rundum gelungenes Familienstück, bei dem nicht nur Kinder auf ihre Kosten kommen, sondern auch Erwachsene ihre Freude daran haben. Diesen Eindruck zumindest bestätigen strahlende Augen von Kindern und Erwachsenen nach der Vorstellung.

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