Rundum gelungene Inszenierung: „Cabaret“ im Bernhard-Theater

„Und da war ein Cabaret mit einem Conférencier – und da war eine Stadt, die Berlin heisst, in einem Lande, dass Deutschland heisst…und das war das Ende der Welt…“. Berlin zu Beginn der 1930er Jahre – der junge Schriftsteller Cliff Bradshaw reist nach Berlin, um hier die Inspiration zum Romane schreiben zu finden. Im Zugabteil begegnet er Ernst Ludwig. Durch ihn findet er eine Unterkunft in Fräulein Schneiders Pension und macht Bekanntschaft mit Sally Bowles, die im bekannten Kit-Kat Club arbeitet. Nicht nur die beiden werden ein Paar, sondern auch Fräulein Schneider und Herr Schultz, der ebenfalls in der Pension wohnt. Auf der Verlobungsfeier überschlagen sich die Ereignisse. Ernst Ludwig ist bekennender Nationalsozialist und Fräulein Schneider kann sich der vergifteten Atmosphäre nicht entziehen und löst die Verlobung. Als Sally, die weiterhin von der grossen Karriere träumt, das gemeinsame Kind mit Cliff abtreibt, hält diesen nichts mehr in Berlin.

Das Stück feierte vor 50 Jahren am 20. November 1966 Premiere am Broadway in New York. Im Jahr 1972 erfolgte die mit acht Oscars ausgezeichnete Verfilmung mit Liza Minelli in der Rolle der Sally Bowles. Seit dem 20. November 2016 ist das Stück am Bernhard-Theater in Zürich zu sehen. „Cabaret“ basiert auf dem Stück „Ich bin eine Kamera“ von John van Druten und Erzählungen von Christopher Isherwood. Das Buch von Joe Masteroff zeichnet eine Geschichte, die an Aktualität nichts verloren hat. Es geht um Vertrauen, Verrat, Freundschaft und Ängste. Die Musik von John Kander, mit den Gesangstexten von Fred Ebb, ist inspiriert vom frühen Jazz, Ragtime sowie Revueeinlagen im Kit Kat Club.

Regisseur Dominik Flaschka gelingt eine rundherum gelungene Inszenierung. Als Zuschauer erlebt man eine Reise durch die Gefühlswelt – Freude, Entsetzen, Lachen und Traurigkeit. Die lebendige Choreographie von Jonathan Huor kommt vor allem in den Szenen des Kit Kat Clubs zum Tragen. Ob in der Pension von Fräulein Schneider, im Zimmer von Cliff, im Obstgeschäft von Herr Schultz oder im Kit Kat Club besticht das Bühnenbild von Simone Baumberger durch Detailverliebtheit und Authentizität. Wunderbar ergänzt von den zeitgemässen Kostümen der 1920er Jahre von Kathrin Baumberger. Hans Ueli Schlaepfer und seine Band zelebrieren die Musik von Kander mit Hingabe.

Michael von der Heide lebt seine Rolle des Conférenciers mit Hingabe. Mal als sexy Verführer, als unterhaltsamer Erzähler oder als undurchsichtiger Gastgeber – einfach grossartig wie es ihm gelingt die Aufmerksamkeit des Publikums auf sich zu ziehen. Zwischen Karriere als Sängerin, Geliebte und werdende Mutter ist Sally Bowles hin und her gerissen. Am Ende trifft sie eine Entscheidung für sich und gegen das gemeinsame Leben mit Cliff. Fabienne Louves punktet mit überzeugender Bühnenpräsenz und interpretiert Songs wie „Maybe This Time“ und „Cabaret“ mit starker wohlklingender Stimme. Cliff freut sich auf die gemeinsame Zukunft mit Sally und dem gemeinsamen Kind. Als diese den Traum zerstört, hält ihn nichts mehr in Berlin. Kenneth Huber besticht mit einer intensiven Darstellung als Cliff Bradshaw. Liebe geht manchmal seltsame Wege. Dies stellen auch Fräulein Schneider und Herr Schultz fest. Und doch kommt manchmal alles anders als man denkt. Sabine Martin und Helmut Vogel zeigen eine berührende und zugleich amüsante Darstellung ihrer Charaktere. 

Glaubhaft gibt Eric Hättenschwiler den Ernst Ludwig, der zuerst Reisebekanntschaft ist und dann ein guter Freund von Cliff wird. Allerdings zerstört die Zugehörigkeit zu den Nationalsozialisten von Ernst diese Freundschaft zu Cliff. Gekonnt komödiantisch und erfrischend zeigt Sabina Deutsch als Fräulein Kost, wie man erfolgreich alle männlichen „Verwandten“ in seinem Pensionszimmer Willkommen heisst. Die Kit Kat Ladies Lulu, Helga, Frenchie und Mausi werden von Momo Fabienne Tanner, Dijana Vidovic, Sarah Madeleine Kappeler und Amaya Keller gespielt. Die Kit Kat Boys werden von Tino Andrea Honegger, Gregor Altenburger, Fabio Romano und Gianmarco Rostetter dargestellt.

Am Ende benötigt man einen Moment, um die Geschichte des Musicals, welche nicht nur spassig und unterhaltsam ist, sondern auch nachdenklich und beklemmend ist, sacken zu lassen. Aber genau diese Balance der verschiedenen Gefühle sind in dieser Inszenierung überzeugend gelungen. Das Publikum im Bernhard-Theater spendete bei der besuchten Vorstellung begeisterten Beifall.