Stehende Ovationen: „Der Besuch der alten Dame“ in Thun

Stehende Ovationen: „Der Besuch der alten Dame“ in Thun

Viele kennen das Buch „Der Besuch der alten Dame“ des Schweizer Schriftstellers Friedrich Dürrenmatt, die wenigsten dürften es lieben – zumindest jene, die es im Deutschunterricht als Pflichtlektüre lesen mussten. Dabei sind die Themen des Stücks – Macht, Geld, Korruption, Vergebung und Schuld – aktueller denn je. Seine Uraufführung als Schauspielstück hatte die Tragikomödie im Jahr 1956 im Schauspielhaus Zürich. Nun hat es der Stoff als Musical ebenfalls auf eine Schweizer Bühne geschafft und ist auf der Seebühne in Thun zu sehen.

Ensemble Besuch der Alten Dame Foto: Iris Steger

Claire Zachanassian kehrt als starke und wohlhabende Frau in ihren Heimatort Güllen zurück, aus dem sie vor Jahrzehnten geflohen ist, nachdem sie von ihrem damaligen Geliebten Alfred Ill und der Bevölkerung von Güllen verraten und verkauft wurde. Güllen ist nahezu bankrott. Daher ist die Rückkehr von Kläri Wäscher, wie Claire Zachanassian früher hiess, ein Segen. Seit ihrem Fortgang sinnt Claire auf Rache und Gerechtigkeit – Rache an den Güllenern und vor allem an Alfred Ill sowie Gerechtigkeit für das Leid, das ihr einst widerfahren ist. Güllen ist auf die Hilfe der reichen Dame angewiesen, nichts ahnend, dass sie eigentlich ihr die Lage, in der sich die Stadt befindet, zu verdanken haben. Sie bietet der Bevölkerung zwei Milliarden Franken – unter einer Bedingung: Alfred Ill muss sterben. Clever macht sie sich dabei die Not der Bevölkerung zunutze und spinnt für ihren Rachefeldzug ein Netz aus Macht, Geld, Korruption und Habgier.

Pia Douwes (Claire Zachanassian) und Uwe Kröger (Alfred Ill). Foto: Iris Steger

Christian Struppeck (Buch) ist es hervorragend gelungen, das erfolgreiche Schauspielstück in einer modernen Inszenierung für die Musicalbühne zu adaptieren. Im Gegensatz zum Buch gibt es ein paar Änderungen, die aber den Charakter und die Erzählung des Stücks nicht verfälschen. Eine Änderung betrifft beispielsweise die Hauptprotagonistin selbst. Im Gegensatz zum Buch hat Claire Zachanassian im Musical ihr Vermögen selbst erwirtschaftet und nicht durch ihre zahlreichen Ehen geerbt. Weitere Neuerungen, die in Dürrenmatts Buch gar nicht vorkommen, sind die Figuren der jungen Claire (Kläri) und des jungen Alfred. Durch zeitliche Rückblenden wird erzählt, was damals wirklich in Güllen geschehen ist. Dies trägt wesentlich zum Verständnis bei, weshalb Claire nach Rache und Gerechtigkeit sinnt.

Andreas Gergen (Regie) hat es verstanden, die gekürzte Fassung spannend und unterhaltsam zu gestalten und die Figuren deutlich zu zeichnen. Unterstützt wird dies durch die lebendige und tempogeladene Choreografie von Simon Eichenberger. Grandios, wie er sich die Wasserfläche auf der 

Bühne zu nutzen macht und diese eindrücklich mit einbezieht. Besonders gefallen hier die Ensemblenummer „Ungeheuerlich“ und „Tempel der Moral“. Die Musik von Moritz Schneider und Michael Reed, der auch für die Arrangements verantwortlich ist, sowie die Liedtexte von Wolfgang Hofer sind absolut zweckdienlich. Mal berührend, mal mitreißend wechseln sich die Lieder während des Stücks ab. Die Melodien prägen sich schnell im Gedächtnis ein. Der Musikalische Leiter Iwan Wassilevski dirigiert das 23-köpfige Orchester dabei sicher und schwungvoll durch das Stück.

Das Bühnenbild von Heinz Hauser ist ein überdimensionales Monopoly-Feld: Durchgestrichene Spielfelder, da in Güllen zum Beispiel kein Juwelier mehr geöffnet hat, zwei große Würfel und schiefe Häuserfassaden auf einer Wasserfläche, die sich im Laufe des Stücks aufrichten, je besser es der Stadt geht. Eine schwarze Fläche, die schräg zum Monopoly-Feld steht, wird für die Szenen der Vergangenheit genutzt und hebt sich so vom Rest des Bühnenbilds ab. Die insgesamt eher schlicht gehaltene Szenerie trägt dazu bei, der Handlung genügend Raum zu geben. Ergänzend dazu das gelungene Lichtdesign von Guido Petzold, das sich wunderbar mit dem Bühnenbild ergänzt – lediglich die starken, manchmal zu grellen Spots sind etwas störend. Der Ton (Thomas Strebel) ist dafür immerzu gut verständlich, die Abmischung von Orchester, Chor und Solisten wunderbar gelungen. Uta Lohner und Conny Lüders zeigen mit den Kostümen zunächst einmal, wie armselig es um die Güllener steht, denn die Darsteller tragen triste Kleidung mit grünen Gummistiefeln. Im Laufe der Handlung werden die Kostüme dann farbenfroher, was den zunehmenden Reichtum der Bevölkerung verdeutlicht.

Pia Douwes (Claire Zachanassian) und Uwe Kröger (Alfred Ill). Foto: Iris Steger

Mit der Verpflichtung von Pia Douwes und Uwe Kröger ist der Seebühne Thun ein wahrer Glückgriff gelungen. Gekränkt, gedemütigt und verstoßen – die Kläri, die Güllen damals verlassen hat, hat nichts mehr mit der Claire Zachanassian gemein, die nach Jahrzehnten in ihren Heimatort zurückkehrt. Clever und reich hat sie einen Plan, wie sie ihre Gerechtigkeit einfordert, um Rache an den Menschen zu nehmen, die ihr damals großes Leid zugefügt haben. Trotz ihrer Gehbehinderung wirkt jeder Schritt sicher und entschlossen. Pia Douwes verkörpert Claire Zachanassian beeindruckend. Jede Emotion, jede Regung und Handlung nimmt man ihr ab. Mit ihrer ausdrucksstarken Stimme und dem besonderen Timbre drückt sie den Songs ihren unverkennbaren Stempel auf, was sie eindrücklich auch bei dem Lied „Gerechtigkeit“ unter Beweis stellt.

Vom Bürgermeister-Kandidaten zum Gejagten: Beste Freunde werden zu Feinden, nirgends ist Alfred Ill mehr sicher. Sogar seine eigene Familie wendet sich gegen ihn. Am Ende ist er jedoch der, der seine Schuld anerkennt und sein Schicksal über sich ergehen lässt. Dies macht ihn zu einem starken Mann und die Bevölkerung von Güllen zu Mördern. Uwe Kröger zeigt als Alfred eine starke schauspielerische Leistung. Stimmlich gefällt er vor allem in den ruhigen Passagen der Lieder. Sobald er aber kräftiger singt, klingen die Töne gepresst und wirken dadurch disharmonisch. Ein wunderbarer Moment gelingt mit dem Duett „Liebe endet nie“ von Douwes und Kröger.

Im Gegensatz zum Buch erhalten der Bürgermeister (Hans Neblung), der Lehrer (Ethan Freeman), der Polizist (Norbert Lamla) und der Pfarrer (Dean Welterlen) im Musical Namen, was zu noch mehr Persönlichkeit im Stück führt. Macht, Geld und Korruption machen auch vor den oberen Gemeindemitgliedern in Güllen nicht Halt. Jeder möchte einen Teil des Geldes bekommen, sei es für ein neues Stadthaus, eine neue Uniform oder eine neue Kirchglocke. Überzeugend sind Neblung, Freeman, Lamla und Welterlen durch und durch. Als Alfred Ills Frau Mathilde gefällt zudem Masha Karell mit ihrer klangschönen Stimme, mit der sie den Song „Ich schütze dich“ intoniert.

„Der Besuch der alten Dame“ lebt in Thun auch aufgrund des stark agierenden Ensembles, das eine durchweg gute Leistung zeigt, sowie den tollen Kinderdarstellern. Zusammen mit dem gesanglich starken Chor der Seebühne Thun entstehen eindrückliche Szenen. Und am Ende? Stehende Ovationen.

Fotogalerie „Besuch der alten Dame“:
Fotogalerie „Besuch der alten Dame“ Thun 2013

Kurz Nachgefragt bei Pia Douwes:
Interview mit Pia Douwes

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